Von Brancolino in die Welt: Wie Attilio und Sabina Marzadro den Trentiner Grappa neu erfanden
1949 beginnt die Geschichte der Destillerie in Brancolino di Nogaredo, einem kleinen Dorf im Vallagarina-Tal südlich von Rovereto. Attilio Marzadro und seine Schwester Sabina wagen den Schritt, aus den Trestern regionaler Winzer — damals als Abfallprodukt der Weinlese betrachtet — etwas Dauerhaftes zu destillieren. Die ersten Grappas entstehen in einem von einem örtlichen Handwerker gebauten Destillierkolben; Attilio liefert die Flaschen anfangs mit einer Moto Guzzi samt Beiwagen in die umliegenden Dörfer. Aus diesem unspektakulären Anfang wächst eines der bekanntesten Grappa-Häuser Italiens. 1978 übernimmt die zweite Generation — Elena, Erino, Stefano und Andrea Marzadro — das Unternehmen und treibt sowohl die Produktionskapazität als auch die stilistische Bandbreite konsequent voran. Stefano leitet heute gemeinsam mit seinem Bruder Andrea, dem Brennmeister, und seiner Schwester Anna das Familienunternehmen; die dritte Generation steht damit vollständig hinter dem Betrieb. 2005 zieht die Destillerie in ein modernes Gebäude an der Via per Brancolino um — Glas, Stein und Holz, architektonisch in die Weinberge des Vallagarina eingebettet, mit einem markanten gläsernen Kuppelbau über dem Brennraum.
Bagnomaria, Holzfass und strenge Kontrolle: Die Handwerksphilosophie der Marzadros
Im Kern der Marzadro-Philosophie steht ein einfacher Grundsatz: Grappa ist so gut wie der Trester, aus dem sie stammt. Die Familie arbeitet deshalb mit einer festen Auswahl sorgfältig selektierter Weinbaubetriebe aus dem Trentino zusammen, deren Trester täglich frisch angeliefert und noch am selben Tag destilliert werden. Die Destillation selbst erfolgt ausschließlich im diskontinuierlichen Bagnomaria-Verfahren — dem klassischen Wasserbad-Dampfsystem, das seit Generationen zur Trentiner Grappa-Kultur gehört. Dieses schonende Verfahren schützt flüchtige Aromastoffe vor Überhitzung und bewahrt die sortentypische Fruchtigkeit des Ausgangsmaterials.
Gereifte Abfüllungen lagern in einem Mix aus Eichen-, Akazien-, Kirsch- und Eschenholzfässern; einzelne Reserven verbringen mehrere Jahre in kleinen Holzfässern. Jeder Grappa, der die Brennerei verlässt, wird vom Istituto Tutela Grappa del Trentino — 1968 in der Provinz Trient gegründet — auf Herkunft, Produktionsschritte und Sensorik geprüft. Zusätzlich übernimmt das Istituto Agrario San Michele all'Adige die Laboranalytik, die Handelskammer Trient die organolepische Abnahme. Diese dreistufige Kontrolle macht Marzadro-Grappa zu einem zertifizierten Destillat mit klar dokumentierter Qualitätskette.
Weißer Trester bis Crema Alpina: Was dich im Marzadro-Sortiment erwartet
Das Herzstück bilden die Grappa-Linien: von klaren, sortentypischen Weißbränden — darunter Destillate aus Gewürztraminer oder Chardonnay, die die Fruchtigkeit der Traube unmittelbar abbilden — bis zu holzgereiften Stravecchia-Abfüllungen mit 18 oder 36 Monaten Fasslager. Das bekannteste Produkt, Le Diciotto Lune, reift 18 Monate in einem Mix aus Edelhölzern und zeigt Nuss-, Kirsch- und Vanillearomen mit ölig-langem Abgang. Daneben experimentiert Andrea Marzadro als Brennmeister mit ungewöhnlichen Gefäßen: Die Anfora-Linie reift in Tonamphoren und ergibt einen weicheren, fruchtbetonten Charakter ohne Holzeinfluss.
Neben dem Grappa-Sortiment entstehen in Nogaredo Liköre und Crema-Alpina-Abfüllungen — von Haselnuss über Pistacchio und Zitrone bis zu Salted Caramel und Fior di Latte — sowie der Bellabomba Eierlikör. Diese Linie folgt derselben Prämisse wie der Grappa: regionale Zutaten, klare Rezeptur, kein Aufwand an Aromen aus dem Labor. Für Likör-Liebhaber und Grappa-Einsteiger gleichermaßen ein Einstieg in die Trentiner Destillationskultur, die seit 1949 in Familienhand geblieben ist.