1893: Die Weinbauern von Andrian erfinden die Genossenschaft
Im Jahr 1893 taten die Winzer des kleinen Dorfes Andrian im mittleren Etschtal etwas Ungewöhnliches: Sie bündelten ihre Kräfte und gründeten gemeinsam die erste Kellereigenossenschaft Südtirols – und, wie es heißt, der gesamten ehemaligen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie. Dieser Schritt war kein pragmatisches Zweckbündnis, sondern eine Haltung: Weinbau als kollektives Projekt, dessen Qualität größer ist als die Summe seiner Teile. Diese Überzeugung trägt die Cantina Andrian bis heute.
Rund 60 Mitgliedsbetriebe bewirtschaften gemeinsam etwa 80 Hektar Rebfläche – gemessen an den Maßstäben Südtirols ist das eine der kleinsten Genossenschaftskellereien der Region. 2008 markierte einen weiteren Einschnitt: Die Cantina Andrian schloss sich mit der renommierten Cantina Terlan zusammen. Seither werden beide Häuser unter einem Dach vinifiziert, aber strikt getrennt voneinander vermarktet – mit eigenem Terroir, eigener Identität, eigener Handschrift.
Kalkböden, Bergluft und konsequente Handarbeit im Weinberg
Andrian liegt auf rund 300 Metern Höhe, eingebettet zwischen dem Etschtal und dem Mendelzug, dessen Hausberg Gantkofel das Dorf nach Westen abschirmt. Das Klima im mittleren Etschtal ist mediterran geprägt – viele Sonnenstunden, warme Sommer – doch die Höhenlage und die Alpenwinde sorgen für kühle Nächte, die die Aromaentwicklung in den Trauben begünstigen. Die Ost- und Südhänge sind von lehmhaltigen Kalkböden geprägt, durchsetzt mit weißem Dolomitgestein und Andrianer Porphyr: ein Boden, der Spannung in die Weine bringt.
Im Weinberg setzt die Cantina Andrian auf konsequente Handarbeit. Jede Traube wird von Hand gelesen, was geringe Erträge und konzentrierte Frucht zur Folge hat. Ein ausgeklügeltes Punktesystem und intensive agronomische Betreuung der Mitgliedsbetriebe stellen sicher, dass nur Trauben höchster Reife in den Keller gelangen. Die Vinifikation folgt dem Prinzip der Terroirtreue: Weißweine reifen überwiegend im Edelstahl, Rotweine im großen Holzfass – sortentypisch, ohne Überformung.
Weißwein-Präzision und ein Pionier beim Lagrein im Barrique
Das Sortiment der Cantina Andrian hat klare Schwerpunkte. Bei den Weißweinen stehen Pinot Grigio, Sauvignon Blanc, Chardonnay und Pinot Bianco im Mittelpunkt – Sorten, die auf den kalkhaltigen Lagen des Etschtals ihre beste Ausdruckskraft entfalten: lebhafte Säurestruktur, mineralische Tiefe, klare Sortentypizität. Die Riserva-Linie – darunter der Doran Chardonnay und der Anrar Pinot Noir – zeigt, was möglich ist, wenn Lage, Jahrgang und Kellerarbeit zusammenkommen.
Historisch hat die Cantina Andrian auch bei den Rotweinen Maßstäbe gesetzt: Der Lagrein Tor di Lupo war Ende der 1980er-Jahre einer der ersten Lagrei in Südtirol, die im Barrique ausgebaut wurden – ein Pionierwerk, das der autochthonen Sorte zu neuem Ansehen verhalf. Heute spiegeln alle Andrianer Weine das Selbstverständnis der Kellerei wider: Terroir ohne Folklore, Tradition ohne Stillstand.