Vom Almacenista zur Referenz-Bodega: 125 Jahre Sherry-Geschichte
Die Geschichte von Emilio Lustau beginnt 1896 — nicht mit einer großen Bodega, sondern mit einem Weinberg. Don José Ruiz-Berdejo, Gerichtsschreiber in Jerez, baute auf seiner Finca Nuestra Señora de la Esperanza Reben an, kelterte Wein und verkaufte ihn an größere Exporteuren weiter. Er war ein sogenannter Almacenista — ein Weinlagerer, der Sherrys reifte und als Rohstoff für die etablierten Häuser bereitstellte. Nach seinem Tod übernahm 1931 seine Tochter María Ruiz-Berdejo Alberti die Leitung und verlegte die Soleras in eine kleine Bodega näher am Zentrum von Jerez. In den 1940er Jahren zog ihr Mann, Emilio Lustau Ortega, die Bodega erneut um — diesmal ins historische Stadtviertel Santiago, in Gebäude, die einst Teil der maurischen Stadtmauer gewesen waren. Dort begann er, ab 1945 eigene Marken zu vermarkten, statt die Weine anonym weiterzugeben. In den 1950ern war Lustau bereits fest im Kreis der Sherry-Exporteure etabliert. Den nächsten entscheidenden Schritt machte in den frühen 1980ern Rafael Balao: Er führte die Almacenista-Linie ein, die Raritäten aus kleinen unabhängigen Lagerhaltern erstmals unter eigenem Namen abfüllte — eine Reverenz an die Wurzeln des Hauses. 1990 übernahm die Luis-Caballero-Gruppe die Mehrheit, was Lustau die finanzielle Basis für Expansion gab; 2001 bezog die Bodega ihr heutiges Domizil an der Calle Arcos — sechs restaurierte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert mit rund 20.000 Quadratmetern kathedralartiger Lagerhallen.
Drei Städte, zwei Weinberge, eine Solera-Philosophie
Lustau ist die einzige Bodega, die in allen drei Städten des Sherry-Dreiecks Wein produziert: in Jerez de la Frontera, El Puerto de Santa María und Sanlúcar de Barrameda. Das ist kein geografisches Kuriosum, sondern Programm: Jede Stadt bringt andere Bedingungen, andere Mikroklimata, andere Charaktere. Die Manzanilla reift in Sanlúcar unter dem atlantischen Meereswind, der Fino del Puerto entsteht an der Küste in El Puerto, während die Hauptsoleras im Herzen von Jerez lagern.
Zwei eigene Weinberge liefern die Trauben: Montegilillo, ein klassischer Albariza-Hang im Inneren von Jerez mit kalkhaltigem Weißboden und hohem Feuchtigkeitsspeichervermögen, ideal für Palomino Fino — und Las Cruces nahe der Küste, wo Sand, Ton und Albariza sich mischen und alle drei erlaubten Rebsorten wachsen: Palomino, Pedro Ximénez und Moscatel. Die Vinifikation erfolgt modern und präzise; das Herzstück bleibt die traditionelle Solera, in der Wein aus verschiedenen Jahrgängen durch gestaffeltes Umfüllen sukzessive miteinander vermählt wird. Für die biologisch gereiften Typen — Fino und Manzanilla — übernimmt dabei die Flor, eine Hefeschicht auf dem Wein, die Oxidation verhindert und den charakteristischen salzigen, nussigen Ton prägt. Kellermeister Sergio Martínez, seit 2003 im Haus, verantwortet heute diesen Prozess.
Das Sortiment: Sherry in seiner ganzen Breite
Lustau produziert über 40 verschiedene Sherrys — ein Sortiment, das die gesamte stilistische Bandbreite der DO Jerez-Xérès-Sherry abdeckt. Die Solera Familiar-Linie ist die klassische Einstiegslinie: Sie umfasst die leichte, seezungenduftige Manzanilla Papirusa aus Sanlúcar, die knochentrocken-feinen Finos Jarana und Fino del Puerto, den nussig-vielschichtigen Amontillado Los Arcos, den dunklen, trockenen Oloroso Don Nuño, dazu die reichen Süßweine Moscatel Emilín und Pedro Ximénez San Emilio sowie die sanft-cremige Cream Capataz Andrés. Jeder Stil erscheint hier in seiner reinsten Ausprägung, ohne Kompromisse an Massengeschmack. Wer tiefer einsteigen will, findet in der Almacenista-Linie Abfüllungen aus den Kellern kleiner, namentlich ausgewiesener Lagerer — rare Weine, die ohne Lustau in anonymen Blends verschwinden würden. Darüber hinaus gibt es VORS-Sherrys mit über 30 Jahren Fassreife sowie Vintage-Abfüllungen. Als einziger Produzent überhaupt hat Lustau den East India Solera-Stil wiederbelebt, eine historische Kategorie, die das Haus in Eigenregie neu entwickelt hat.