Vom Familienbetrieb zur rheinhessischen Spitzenadresse
Die Geschichte des Weinguts reicht bis ins Jahr 1728 zurück — damals ein typisch rheinhessischer Ackerbaubetrieb im beschaulichen Bechtheim im Wonnegau. Über Generationen blieb das Gut ein solider Familienbetrieb, bis Jochen Dreissigacker ab 2001 begann, seinen ersten eigenen Wein zu keltern. 2005 übernahm er den Betrieb vollständig von seinen Eltern. Jochen hatte zuvor eine Winzerausbildung bei den Weingütern Keller und Bergdolt absolviert — zwei Adressen, die für Präzision und Terroir-Treue stehen. Was er an den elterlichen Keller herantrug, war kein behutsames Weiterentwickeln, sondern ein konsequenter Neustart: neue Maßstäbe im Weinberg, ein klares Stilbild im Keller, schließlich ein moderner Neubau der Kellerei, der im Mai 2018 eingeweiht wurde und direkt in die Weinberge integriert ist. Dass Jochen Dreissigacker heute — ohne VDP-Mitgliedschaft — zu den meistdiskutierten Winzern Deutschlands zählt und seine Weine den Weg in die Spitzengastronomie weltweit gefunden haben, macht diesen Werdegang zu einer der bemerkenswertesten Geschichten im deutschen Weinbau der letzten zwei Jahrzehnte.
Biodynamik, Handarbeit und Falldruck: der Weg in die Flasche
Jochen Dreissigackers Credo lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Böden und Lagen sollen schmeckbar werden. Konsequenterweise stellte er den Betrieb schrittweise auf ökologischen Anbau um — ab 2007 folgte der Schritt zur Biodynamik. Seit 2020 ist das Weingut zudem nach FAIR'N GREEN zertifiziert. Auf insgesamt 45 Hektar in den Spitzenlagen rund um Bechtheim (Geyersberg, Hasensprung, Rosengarten) und Westhofen (Aulerde, Kirchspiel, Morstein) investiert das Team knapp 1.000 Stunden Handarbeit pro Hektar und Jahr. Die Böden — Lößlehm, Kalkstein, Tonmergel — sind je nach Lage grundverschieden, und genau das soll sich im Glas zeigen. Im Keller arbeitet Dreissigacker mit Spontangärung, langer Hefelagerung und einem Verzicht auf Pumpen: Alle Weine werden ausschließlich per Falldruck bewegt, um die Struktur der Trauben so wenig wie möglich zu belasten. Der moderne Kellerbau ist technisch auf diesem Prinzip ausgelegt — Schwerkraft als wichtigstes Werkzeug.
Ertragsreduktion durch sorgfältigen Rebschnitt und konsequentes Ausdünnen sorgen dafür, dass die Reben konzentrieren, was der Boden hergibt. Die Philosophie dahinter hat Jochen Dreissigacker selbst formuliert: Spitzenweinen vor allem eines geben — viel Zeit.
Riesling als Kern, Burgunder als Beweis der Vielseitigkeit
Rund 98 Prozent der Produktion bei Dreissigacker sind Weißweine — Rotwein spielt eine bewusst untergeordnete Rolle. Das Sortiment ist klar strukturiert: Riesling bildet den Kern, ergänzt durch Weißburgunder, Grauburgunder, Chardonnay und Spätburgunder. Die Rieslinge aus den Kalkmergellagen von Westhofen — kühler, langsamer reifend — zeigen eine andere Mineralität als die sonnenverwöhnten Bechtheimer Lagen; diese Bandbreite spiegelt sich in der Sortimentsstruktur wider. Die Vintages-Reihe (rot und weiß) führt mehrere Jahrgänge und Rebsorten zu Multi-Vintage-Cuvées zusammen, die bei Weinkennern besondere Anerkennung genießen. Beim Chardonnay Brut Nature und Pinot Brut Nature zeigt Dreissigacker, dass die biodynamische Philosophie auch den Schaumwein trägt — konsequent ohne Dosage, mit Reife auf der Hefe als Qualitätspfeiler. 2021 zeichnete der Eichelmann das Weingut mit der Höchstwertung „Weltklasse" aus. Wer die Weine von Dreissigacker kennt, versteht, warum Rheinhessen heute in einem Atemzug mit Mosel und Rheingau genannt wird.