Von 1898 bis heute: Ein Traditionsweingut neu gedacht
Das Weingut Dr. Köhler blickt auf eine Geschichte zurück, die 1898 in Bechtheim begann — in einer Zeit, als das wilhelminische Gutshaus und der weitläufige Park noch frisch waren und der alte Gewölbekeller zum ersten Mal Wein barg. Über Jahrzehnte war der Betrieb ein fester Teil des rheinhessischen Weinbaus, bis die Erben in den 2000er-Jahren kein Interesse mehr an der Fortführung zeigten. Was folgte, war keine Auflösung, sondern ein Neuanfang: 2006 begann Christian Dreißigacker, älterer Bruder des bekannten Bechtheimer Winzers Jochen Dreißigacker, zunächst als Nachbarschaftshilfe unter Winzern auf dem Betrieb mitzuarbeiten — und übernahm ihn schließlich vollständig. Seither lebt und arbeitet er auf dem Weingut Dr. Köhler, das er behutsam, aber konsequent nach seinen eigenen Vorstellungen geprägt hat.
Christian Dreißigacker stammt aus einer Winzerfamilie in Bechtheim und wuchs buchstäblich neben dem Weingut auf, das er heute führt. Nach klassischer Winzerausbildung in Rheinhessen und der Pfalz sowie Wirtschafter- und Meisterlehrgängen war er ab 1999 im elterlichen Betrieb tätig. Die Leidenschaft für Burgunder-Rebsorten entwickelte er früh — und fand in Dr. Köhler den idealen Rahmen, um ihr freien Lauf zu lassen.
Ökologisch bewirtschaftet, konsequent bodenständig
Bereits 2007, kurz nach der Übernahme, stellte Christian Dreißigacker den Betrieb auf ökologische Bewirtschaftung um. Im Weinberg bedeutet das: Düngung ausschließlich mit Pferdemist, kein Herbizideinsatz, gezielte Begrünung zwischen den Reben zur Förderung des Humusgehalts und des Bodenlebens. Beim Pflanzenschutz kommen ausschließlich biologische Präparate zum Einsatz. Das Ziel ist nicht Zertifizierung um der Zertifizierung willen, sondern das Arbeiten im Einklang mit der Natur — aktiv etwas zurückgeben, nicht nur entnehmen.
Die Weinberge verteilen sich auf die Kernlagen Geyersberg, Rosengarten und Hasensprung rund um Bechtheim. Der Geyersberg — dessen Name auf mittelalterliche Raubvögel zurückgeht und bereits um 1500 urkundlich erwähnt wurde — liegt auf karbonatreichen Lössböden mit hohen Kalkanteilen. Diese Böden, mal Löss, mal Kalkmergel, mal Ton, liefern die Grundlage für Weine mit klarer Herkunft. Im alten Gewölbekeller unter dem Gutshaus reifen die Weine langsam und geschützt.
Klare Linie: Burgunder, Parzellennummern und ein Sortiment mit System
Der stilistische Kern des Weinguts sind die weißen Burgunder — Chardonnay, Grau- und Weißburgunder dominieren die Kollektion, ergänzt um Riesling, Silvaner, Scheurebe und inzwischen auch einen Sauvignon Blanc. Die Weine sind fruchtbetont, sortentypisch und reintönig — ohne Schnörkel, ohne Showeffekte. Was Dr. Köhler vom Durchschnitt unterscheidet, ist das Etiketten-Konzept: Jede Flasche trägt die fünfstellige Nummer der Rebparzelle, aus der die Trauben stammen. Rebsorte, Herkunft — das ist alles, was draufsteht. Kein Marketing-Sprech, keine Geschichte, die ablenkt.
Das Sortiment folgt einer klaren Hierarchie: Gutsweine (Bronze), Ortsweine (Silber) und Lagenweine (Gold) geben Orientierung über Herkunft und Anspruch. Daneben gibt es Konzeptweine wie die Kaisermantel-Linie mit Chardonnay, Grauburgunder und Rosé sowie die leichteren, trinkfreudigen Etiketten wie den Pfandturm Rosé, den Secco Rezeptfrei oder die Doktorspiele Cuvée — Weine, die nicht schwer nehmen, was nicht schwer genommen werden muss, dabei aber zeigen, woher sie kommen.