Vom Urmeer zum Roten Hang: über 200 Jahre Familie am Rhein
Die Geschichte von Kühling-Gillot lässt sich an zwei Punkten beginnen: vor mehr als 200 Jahren, als sich die Familie erstmals am Roten Hang in Rheinhessen niederließ und mit dem Weinbau begann — und im Jahr 1970, als durch die Heirat von Gabi Kühling und Roland Gillot zwei traditionsreiche Familienweingüter zum heutigen Betrieb verschmolzen. Ihre Tochter Carolin Spanier-Gillot, studierte Weinbauingenieurin, übernahm das Gut 2002 — als Glied in einer langen Kette von Frauen, die bei Kühling-Gillot die Geschicke des Betriebs leiteten. Seit 2006 führt sie das Weingut gemeinsam mit ihrem Mann Hans Oliver Spanier, der parallel das Weingut Battenfeld-Spanier leitet. Zwei VDP-Güter, ein gemeinsames Verständnis davon, wie Wein entstehen soll.
Der Sitz des Weinguts ist Bodenheim, ein kleines Städtchen nahe Mainz am Tor zur Rheinterrasse. Von hier zieht sich das Lagenportfolio nach Süden: über Nackenheim und Nierstein bis nach Oppenheim — ein Band aus einigen der bedeutendsten Weinbergslagen Deutschlands, eingebettet in den legendären Roten Hang.
Biodynamik als Haltung, nicht als Zertifikat
Seit 2005 arbeitet Kühling-Gillot konsequent biodynamisch. Was als ökologische Bewirtschaftung begann, wurde früh zu einem umfassenden Ansatz: keine synthetischen Mittel, gezielte Förderung des Bodenlebens, Verzicht auf künstliche Bewässerung — dry farming auf den Steillagen des Roten Hangs. Im Keller gilt das gleiche Prinzip der Nicht-Einmischung: ausschließlich spontane Vergärung, langes Hefelager, Ausbau in großen Holzfässern — Halbstück, Stück und Doppelstück — sowie Burgunderfässern für die Rotweine. Schönungsmittel werden nicht eingesetzt, Schwefel nur in kleinstmöglicher Menge.
Das geologische Fundament ist dabei kein austauschbares Zufallsprodukt: Der Rote Hang besteht aus eisenhaltigem Tonschiefer und Sandsteinverwitterungsböden — dem sogenannten Rotliegenden, das vor rund 280 Millionen Jahren durch den Einbruch des Rheingrabens entstand. Dieser Boden speichert Wärme, gibt sie langsam ab und zwingt die Reben tief zu wurzeln. Eine Besonderheit: Im steilsten Teil des Rothenberg, der Gewanne „Kapellchen", stehen wurzelechte Rieslingreben, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gepflanzt wurden — noch vor der gesetzlichen Pflicht zur Unterlagsrebe. Ihre Weine tragen auf dem Etikett den Zusatz „wurzelecht" und gelten als Referenzpunkt für trockenen deutschen Riesling.
Riesling als Übersetzer des Terroirs — und Spätburgunder auf Kalk
Das Sortiment von Kühling-Gillot dreht sich zu großen Teilen um Riesling — als Übersetzer dessen, was den Roten Hang ausmacht: feine Frucht, vibrierende Säure, eine rauchig-mineralische Tiefe, die vom eisenhaltigen Schiefer stammt. Die VDP-Großen Lagen Rothenberg, Pettenthal, Hipping, Ölberg und Kreuz stehen für die höchste Qualitätsstufe des Sortiments. Daneben gibt es Riesling aus Ersten Lagen in Nierstein und Nackenheim sowie zugänglichere Gutsweine — darunter ein Rosé und ein Sauvignon Blanc unter der „Hase"-Linie, die den Feldhasen als Weingutssymbol trägt: für Carolin und Hans Oliver Spanier steht er für Fruchtbarkeit und Lebensfreude.
Die Spätburgunder des Betriebs wachsen nicht auf Schiefer, sondern auf den kalkhaltigen Böden rund um Oppenheim und Bodenheim — ein anderer Boden, eine andere Stilistik: auf Finesse ausgerichtet, mit Beeren-Kräuter-Aromen und kühler Struktur. Grauer Burgunder ergänzt das Weißwein-Portfolio. Manche Weine kommen erst nach mehreren Jahren auf den Markt — weil Carolin und Hans Oliver Spanier Terroir lieber zeigen als beschleunigen.