Antinoris Wette auf den Süden: Wie Tormaresca Apulien neu definierte
Als Marchese Piero Antinori Mitte der 1990er-Jahre erstmals durch die Murgia reiste, sah er, was viele andere übersehen hatten: eine Region mit uralten Rebsorten, kalkhaltigen Böden und einem Terroir-Potenzial, das önologisch kaum ausgeschöpft war. 1998 kaufte die toskanische Familie Antinori — seit über 600 Jahren im Weinbau verwurzelt — ein großes Areal in Apulien und gründete Tormaresca. Der Name verweist auf die alten Meerestürme der Region, die einst die Adria bewachten. Was damals als gewagter Schritt in den damals unterschätzten Süden galt, erwies sich als Wendepunkt für den apulischen Qualitätsweinbau.
Tormaresca ist heute das einzige Weingut mit Rebflächen in beiden bedeutenden Weinbauregionen Apuliens: Tenuta Bocca di Lupo im Castel del Monte DOC und Masseria Maìme im Salento. Piero Antinoris drei Töchter Albiera, Allegra und Alessia führen das Familienunternehmen in der 26. Generation weiter — Tormaresca eingeschlossen.
Zwei Terroirs, ein Anspruch: Weinberge zwischen Murgia-Plateau und Adriaküste
Bocca di Lupo liegt auf rund 300 Metern Höhe im Hinterland von Minervino Murge, auf mineralreichen Kalksteinböden, die der Nähe zum Vulkan Vulture in der Basilicata verdanken. Das Klima ist kontinental geprägt, mit starken Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht — ideal für Sorten wie Aglianico, Nero di Troia, Chardonnay, Fiano, Moscato Reale und Cabernet Sauvignon. Die Weinberge umfassen rund 130 bis 140 Hektar Rebfläche; das Kellereigebäude aus lokalem Stein fügt sich in die karge Landschaft der Murgia ein.
Masseria Maìme hingegen liegt im oberen Salento, nahe San Pietro Vernotico, und zieht sich entlang der Adriaküste. Auf kalkhaltigem Boden, unter intensiver Sonne und vom Meereswind gemäßigt, wachsen hier Negroamaro, Primitivo, Sussumaniello und Fiano. Neben den Weinbergen gehören Olivenhaine und Wälder zum Gut. Alle Tormaresca-Weine werden ausschließlich aus selbst angebautem Lesegut vinifiziert. Der Keller in Masseria Maìme wurde vom Architekten Fiorenzo Valbonesi entworfen und verbindet modernes Kellereikonzept mit apulischer Bautradition.
Autochthon als Haltung: Primitivo, Negroamaro und die Stärke des Terroirs
Im Sortiment von Tormaresca stehen die einheimischen Sorten im Mittelpunkt. Negroamaro ist die Seele der Salento-Linie: als trockener Roséwein Calafuria — mit klarer Frucht und salzigem Abgang — und als vollmundiger Rotwein. Primitivo zeigt sich in Weinen wie Torcicoda und Carrubo mit tiefer, dunkler Frucht, runder Tanninstruktur und Reifepotenzial. Weißweine wie der Roycello aus Fiano oder der Chardonnay Puglia demonstrieren, dass Apulien auch jenseits des Rotweins Präzision und Tiefe liefert. Die Kellertechnik — sortenbezogen, auf Primärfrucht und Terroir ausgerichtet — soll die Eigenheit jeder Lage lesbar machen, nicht überformen. Tormaresca versteht sich als Brücke zwischen der langen Geschichte des apulischen Weinbaus, dessen Wurzeln bis in die Magna Graecia reichen, und einem modernen Qualitätsanspruch, der dem Süden Italiens auf internationalem Parkett Respekt verschafft hat.