Vom Vaio dei Masi zur Referenzadresse des Amarone
Die Geschichte von Masi Agricola beginnt 1772 mit der ersten Lese der Familie Boscaini in einem kleinen Tal östlich von Verona: dem Vaio dei Masi, der „Kleinen Schlucht von Masi" im Herzen der Valpolicella Classica bei Gargagnago. Die Familie gab ihren Weinen bewusst nicht den eigenen Familiennamen, sondern den Namen dieses Tals — eine Entscheidung, die den Ortsbezug von Anfang an in den Mittelpunkt stellte. Sechs und sieben Generationen später führen Sandro Boscaini als Präsident und sein Sohn Raffaele als Koordinator der Masi Technical Group das Weingut in direkter Familiennachfolge. 1958 identifizierte Masi als eines der ersten Güter historische Einzellagen für Amarone und legte damit den Grundstein für das heutige Cru-Denken in der Appellation. Seit 1973 verbindet das Haus eine Partnerschaft mit den Conti Serego Alighieri, Nachfahren des Dichters Dante Alighieri, deren Weingut in Gargagnago bis ins Jahr 1353 zurückreicht.
Appassimento als Handwerk und Forschungsgegenstand
Die Valpolicella Classica liegt zwischen Verona und dem Gardasee, nach Norden durch die Lessini-Berge und die Dolomiten geschützt. Auf Böden aus Kalkstein, Ton und vulkanischem Gestein wachsen die autochthonen Sorten Corvina, Rondinella und Molinara — das Rückgrat aller Masi-Rotweine. Was das Haus seit Generationen prägt, ist der konsequente Fokus auf das Appassimento: Nach der Ernte werden die Trauben in speziellen Trockenräumen gelagert, bis sie 35 bis 40 Prozent ihres Gewichts verloren haben, bevor sie gekeltert werden. Diese Konzentration ist die Voraussetzung für die Extrakt-Tiefe und die charakteristische Bittermandel-Note, die Masis Amarone kennzeichnen. In den 1980er-Jahren wurde die hauseigene Masi Technical Group gegründet, die seither systematisch an Appassimento-Verfahren, Vinifikationstechnik und der Erhaltung seltener Rebsorten arbeitet — darunter Oseleta, eine fast verschwundene lokale Sorte, die Masi wiederentdeckte und in Cuvées einbrachte. Beim Anbau setzt das Gut auf natürliche Düngemittel und den gezielten, reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.
1964 stellte Guido Boscaini mit dem Campofiorin eine bis dahin unbekannte Weinkategorie vor: Eine Doppelvergärung, bei der Valpolicella-Grundwein auf halbgetrockneten Trauben derselben autochthonen Sorten nachvergoren wird. Das Verfahren gilt heute als Prototyp des Ripasso-Stils. Die Masi Technical Group hat es seither kontinuierlich weiterentwickelt — Campofiorin fermentiert heute nicht mehr auf Amarone-Trestern, sondern ausschließlich auf frisch halbgetrockneten Trauben.
Costasera, Campofiorin und die Logik des langen Abgangs
Das Sortiment von Masi spannt sich vom zugänglichen Valpolicella Classico über den Campofiorin bis zu mehreren Amarone-Cuvées. Der Costasera Amarone della Valpolicella Classico ist der bekannteste Einstieg in die Amarone-Welt des Hauses: dunkle Beerenfrucht, Pflaume, ein Hauch Kaffee und Kakao, dazu die sortentypische Bittermandel-Note im Abgang, die das Appassimento hinterlässt. Die Riserva-Variante durchläuft eine verlängerte Trocknungsphase und reift mindestens drei Jahre in Kirschholzfässern — ein Material, das dem Wein eine zusätzliche aromatische Schicht mitgibt. Die Cru-Amarone Mazzano und Campolongo di Torbe werden nur in den besten Jahrgängen produziert und sind auf Reifung von 20 Jahren und mehr ausgelegt. Der Campofiorin, der sich stilistisch zwischen einem lebendigen Valpolicella und dem Amarone bewegt, zeigt rote und schwarze Frucht mit einer feinen Würze und bleibt durch seine Struktur alltagstauglicher. Zu den Weinen des Hauses passen Schmorbraten, Wildgeflügel, Entenbrust oder kräftig gereifte Käse wie Parmigiano Reggiano oder Pecorino.