Von Baron James bis Saskia: Sechs Generationen auf einem Premier Cru
Die Geschichte von Domaines Barons de Rothschild (Lafite) beginnt mit einem Auktionshammer in Paris. Am 8. August 1868 erwarb Baron James de Rothschild, Gründer der Pariser Rothschild-Bank, Château Lafite für 4,4 Millionen Francs — damals eine astronomische Summe. Dass der Baron drei Monate nach dem Kauf starb, ohne je einen Fuß auf das Gut gesetzt zu haben, änderte nichts am Kurs: Seine Söhne Alphonse, Gustave und Edmond übernahmen das Erbe und führten es durch Phylloxera-Krise, zwei Weltkriege und die Wirtschaftsdepression. Zu diesem Zeitpunkt war das Château bereits seit dem 13. Jahrhundert als Weinproduzent dokumentiert und trug seit der Bordeaux-Klassifikation von 1855 den Status eines Premier Grand Cru Classé.
Ab 1974 formte Baron Eric de Rothschild das Gut grundlegend um: Unter seiner Führung entstand die Unternehmensstruktur Domaines Barons de Rothschild (Lafite), die mehrere Bordeaux-Châteaux unter einem Dach vereint und den Blick konsequent über das Médoc hinaus richtete. Seit 2018 leitet seine Tochter Saskia de Rothschild die Domaines als erste Frau in dieser Rolle — sie steht für die sechste Generation der Familie an der Spitze eines Premier Cru.
Präzision im Weinberg, Zurückhaltung im Keller
Die Philosophie von DBR Lafite lässt sich in einem Satz der Kellertechnik zusammenfassen: Frucht schützen, nicht formen. Im Weinberg dominiert Cabernet Sauvignon auf dem tief verwitterten Kiesboden rund um Pauillac — der Boden, der dieser Appellation ihr charakteristisches Profil gibt. Jede Parzelle wird separat vinifiziert, damit ihre individuelle Reife im Keller erhalten bleibt. Die Vergärung in Eichen- und Edelstahlbehältern folgt einem bewusst sanften Ansatz: kein Kältemaischeverfahren, keine intensive Nachgärungsmazeration, wenig mechanischer Eingriff. Das Ziel ist ein Wein, der den Jahrgang wiedergibt, nicht die Handschrift des Kellermeisters überschreibt.
Nachhaltigkeit ist mittlerweile verbindlich verankert: Alle französischen Güter der Gruppe werden ökologisch bewirtschaftet, und 2024 erhielt DBR Lafite die B-Corp-Zertifizierung für sämtliche Estates. Technischer Direktor Olivier Trégoat setzt dabei auf ein flexibles Terroir-Verständnis, das sich den Realitäten des Klimawandels anpasst, ohne die historische Identität der Lagen aufzugeben. Eigene Fassküferei auf dem Gut versorgt die Bordeaux-Estates mit Barriques und beliefert teilweise auch die internationalen Weingüter der Gruppe.
Cabernet-Tiefe aus Pauillac — und ein Portfolio, das weit über das Médoc hinausreicht
Wer Lafite trinkt, bekommt keinen Wein, der sofort alles zeigt. Das Flaggschiff Château Lafite Rothschild ist auf Cabernet Sauvignon gebaut, zeigt Graphit, Zedernholz und dunkle Frucht in der Nase, hat mittleren bis vollen Körper und einen langen, präzisen Abgang — und braucht Zeit, um seine Schichten zu öffnen. Das Zweitwein Carruades de Lafite, aus den Carruades-Lagen mit höherem Merlot-Anteil, gibt diesen Stil zugänglicher und früher trinkbar wieder. Château L'Évangile aus Pomerol steht für merlot-getriebene Samtigkeit aus dem rechten Ufer; Château Rieussec liefert als Premier Cru Classé in Sauternes konzentrierte Botrytis-Weine aus selektiver Handlese. Die Linie Les Légendes R erschließt dasselbe handwerkliche Denken für das breitere Bordeaux — darunter auch ein weißer Bordeaux blanc.
Über den Bordelais hinaus umfasst die Gruppe Güter in Chile (Viña Los Vascos), Argentinien (Bodegas Caro, ein Joint Venture mit Nicolas Catena) und China (Domaine de Long Dai). In jedem dieser Projekte sucht die Familie nach Terroirs mit eigenem Charakter — und trägt dorthin dieselbe Arbeitsweise: sorgfältige Handlese, parzellenweise Vinifikation, langer Atem im Keller.