Vom Rebschulbetrieb zum Referenzweingut Sardiniens
Als der piemontesische Ingenieur Erminio Sella 1899 gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Edgardo Mosca brachliegendes Weideland nördlich von Alghero erwarb, war der Plan zunächst kein weinbaulicher: Ganz Europa kämpfte gegen die Reblaus, und das Duo erkannte die Chance, auf Sardiniens noch unberührten Böden eine Baumschule für phylloxeraresistente Pfropfreben aufzubauen. Damit lieferten sie den Weinbaugebieten des Kontinents das Rohmaterial für den Wiederaufbau. Erst 1903 wurden die ersten Weinberge auf dem Gut I Piani angelegt und der historische Weinkeller errichtet — das Fundament, auf dem Sella & Mosca bis heute steht. Was als Infrastrukturprojekt begann, wurde zum prägenden Weingut der Insel.
Jahrzehntelang blieb das Gut in Unternehmenshand, bevor die Terra-Moretti-Familie das Weingut 2016 übernahm. Seitdem führt CEO Francesca Moretti die Geschicke, unterstützt von Kellermeister Giovanni Pinna, einem gebürtigen Sarden mit Masterabschluss in Önologie. Die Verbindung aus unternehmerischer Investitionsbereitschaft und tiefem Inselwissen gibt dem Haus heute seinen besonderen Charakter.
Ökologischer Weinbau auf einem der größten Güter Europas
Das Weingut I Piani liegt rund zehn Kilometer nördlich von Alghero in der Nurra-Ebene, einer flachen Küstenlandschaft mit sandig-lehmigen Böden, die von Natur aus hohe Eisengehalte aufweisen. Kalkstein und Ton wechseln sich mit steinigen, mineralstoffarmen Parzellen ab — eine Bodenvielfalt, die dem Gut erlaubt, sehr unterschiedliche Rebsorten auf jeweils passenden Standorten zu kultivieren. Der beständige Mistral vom Meer hält die Trauben trocken und gesund; zusammen mit dem trockenen mediterranen Klima schafft er Bedingungen, unter denen der Verzicht auf synthetische Pflanzenschutzmittel gelingt. Alle rund 542 Hektar Rebfläche sind heute ICEA-zertifiziert biologisch bewirtschaftet — das gesamte Gut gilt damit als einer der größten zusammenhängenden Bio-Weingärten Europas.
Im Keller setzt Kellermeister Pinna auf minimalen Eingriff: schonende Traubenverarbeitung, präzise Temperaturkontrolle während der Gärung und Ausbau der Rotweine in hochwertigen Holzfässern aus slawonischer Eiche sowie Barriques. Parallel dazu unterhält das Gut eine moderne Anlage für die Weißweinbereitung, die auf Frische und Sortentypizität ausgelegt ist.
Sardischer Charakter von Vermentino bis Torbato
Das Sortiment von Sella & Mosca liest sich wie ein Querschnitt durch die autochthone Rebsortenvielfalt Sardiniens. Der Vermentino — in Versionen wie La Cala und Ambat — steht für die helle, salzige Leichtigkeit der Insel: Zitrusaromen, ein Hauch Kräuter, lebhafte Säure und der spürbare Einfluss des Meeresbrieses im Abgang. Der Cannonau, Sardiniens wichtigste rote Rebsorte (genetisch identisch mit dem französischen Grenache), liefert in der Riserva-Linie dunkle Kirscharomen, Kräuterwürze und ein tanninbetontes Rückgrat, das Lagerung verträgt. Mit dem Marchese di Villamarina zeigt das Gut, was Cabernet Sauvignon auf sardischem Boden leisten kann — eine Alghero-DOC-Riserva mit Tiefe und Struktur, die das Weingut als einen der Pioniere dieser Rebsorte auf der Insel ausweist.
Besondere Erwähnung verdient der Torbato: Eine fast verschwundene Weißweinsorte, die Sella & Mosca als einziges Weingut weltweit noch zu 100 % sortenrein vinifiziert und damit vor dem Vergessen bewahrt hat. Der Catore Alghero Torbato DOC vereint Zitrus, weiße Blüten und eine charakteristische Salzmineralität — ein Wein, der ohne das Engagement des Guts schlicht nicht mehr existieren würde.