Pioniere der Lugana: Wie die Montresors eine Appellation miterfanden
Die Geschichte von Cantina Ottella reicht tiefer als die meisten Weinbaugeschichten der Region: Bereits 1905 war die Familie Montresor die einzige in der Provinz Verona, die Lugana-Wein erzeugte — belegt durch den Historiker Giovan Battista Perez in seinem Werk La provincia di Verona e i suoi vini. Doch die Montresors blieben nicht nur Produzenten. 1964 initiierte Lodovico Montresor gemeinsam mit Professor Michele Vescia von der Universität Brescia und dem Ingenieur Turlini die geografische Abgrenzung und Definition des Lugana-Gebiets. Drei Jahre später, 1967, wurde die Denominazione di Origine Controllata offiziell anerkannt. Die Familie hatte damit nicht nur einen Wein, sondern eine ganze Appellation mit auf den Weg gebracht.
In den 1980er-Jahren übernahmen die Söhne Francesco und Michele das Gut von ihrem Vater und gaben ihm neuen Antrieb. Francesco leitete das Consorzio di Tutela Lugana von 2007 bis 2013; Michele ist Präsident der Associazione Vignaioli Veneti. 2013 startete das Projekt des neuen Kellereigebäudes in San Benedetto di Lugana — ein Ort, der Weinbau, Landschaft und Kunst verbinden soll. Heute arbeiten Lodovico und Lamberto, die nächste Generation, an der Seite von Vater und Onkel.
Tonböden, Seewind und der Anspruch an die Turbiana
Ottellas 90 Hektar Weinberge liegen auf dem Schwemmlandboden am südlichen Gardasee-Ufer, verteilt zwischen Venetien und der Lombardei. Der Boden ist von eiszeitlichem Ursprung: schwerer, reiner Ton mit hohem Kalkanteil und mineralischen Salzen — das typische Lugana-Terroir, das die Turbiana-Traube zu aromatischer Tiefe und Salzigkeit treibt. Turbiana, lokal gebräuchlicher Name für den Trebbiano di Lugana, gilt als eigenständige autochthone Sorte; Studien der Universität Mailand haben ihr Genom als nicht mit anderen Trebbiano-Varietäten gleichzusetzen beschrieben.
Im Weinberg setzt Ottella auf bodenschonende, naturnahe Anbaumethoden und das traditionelle Bogenpflanzsystem, das die Reben zu geringen Erträgen bei hoher Aromenkonzentration anhält. Im Keller steht die Übereinstimmung zwischen Duftprofil und Geschmack im Mittelpunkt — Weine, die mineralische Würze und aromatische Finesse nicht gegeneinander ausspielen, sondern als Einheit zeigen.
Lugana als Kerngedanke — vom Basiswein bis zur Riserva
Das Sortiment von Ottella dreht sich konsequent um die Turbiana-Traube und das Lugana-Terroir. Der klassische Lugana DOC zeigt blumige Zitrusnoten, einen Hauch Mandel und die salzige Würze des Tonbodens — lebendig im Säurespiel, schlank im Körper, trinkfreudig zu Gardasee-Fisch, Risotto oder mildem Ziegenkäse. Der Le Creete — benannt nach der tonreichen Cru-Lage in San Benedetto di Lugana — verbringt mehrere Monate auf den Feinhefen; daher die dichtere Textur, die cremige Struktur und der lang anhaltende mineralische Abgang. Für Rotwein-Liebhaber produziert Ottella unter dem Gutsnamen Ripa della Volta auf 20 Hektar im Valpolicella auch einen Valpolicella DOC und einen kräftigen Ripasso. Das Herzstück bleibt aber der Weißwein: Lugana, wie er am Südufer des Gardasees gedacht ist — klar in der Herkunft, substanzreich im Glas.