Seit 1467: Wie aus einem Pachtvertrag eines der ältesten Weingüter Piemonts wurde
Die Geschichte der Tenuta Carretta beginnt mit einem Dokument: Am 28. November 1467 schloss der Notar Giorgio di Monteacuto in Piobesi d'Alba einen Pachtvertrag über die Bewirtschaftung von Weinbergen ab — und legte damit den Grundstein für mehr als 550 Jahre kontinuierliche Weingeschichte an ein und demselben Ort. Der Name des Gutes geht noch weiter zurück: Urkunden aus dem 14. Jahrhundert belegen eine Adlige namens Carretta Constanzi, Tochter eines albanesischen Edelmanns, als frühe Besitzerin des Areals. Aus ihrem Namen wurde der des Gutes.
Die Tenuta wechselte im Lauf der Jahrhunderte mehrfach die Hände: Von den Marchesi Damiano über die Grafen von Roero, die das Gut ab 1811 für über ein Jahrhundert bewirtschafteten, bis zur Turiner Familie Veglia, die es 1932 übernahm. Den entscheidenden Neustart brachte das Jahr 1985, als die Familie Miroglio aus Alba — Gründer und Eigentümer der gleichnamigen Textilgruppe — die Tenuta erwarb und gezielt in Qualität und Infrastruktur investierte. Seitdem führt sie das Weingut mit langem Zeithorizont: Tradition als Fundament, Technik als Werkzeug.
Amphitheater aus Sand und Kalk: Weinberge zwischen Roero und Langhe
Die Tenuta Carretta liegt nördlich des Tanaro, auf den sandigeren, permeableren Böden des Roero — geologisch jünger als die marligen Lagen der gegenüberliegenden Langhe. Rund um den Gutsgebäudekomplex erstrecken sich knapp 35 Hektar als zusammenhängende Einzellage in einem natürlichen Südwest-Amphitheater. Südlich des Flusses kommen weitere 45 Hektar in den Hügeln der Langhe hinzu, darunter 2,6 Hektar auf dem Cannubi-Hügel in Barolo — einer der renommiertesten Einzellagen des Piemont. Weitere Nebbiolo-Parzellen im Gebiet von Treiso liefern die Trauben für den Barbaresco. Insgesamt bewirtschaftet die Tenuta rund 80 Hektar, alle innerhalb des UNESCO-Welterbes Langhe-Roero und Monferrato (seit 2014).
Die Böden des Roero — sandig, gut durchlässig, mit eingelagerten Kalkmergelschichten — prägen den Stil der weißen Weine direkt: Wo der Sand überwiegt, entstehen aromatisch-elegante Weine; wo Sand auf Kalkmergel trifft, werden die Rotweine strukturierter und lagerfähiger. Diese natürliche Differenzierung nutzt die Tenuta bewusst, indem sie für jeden Standort eine eigene Vinifikation entwickelt.
Nachhaltiger Anbau, klassische Sorten, piemontesische Bandbreite
Im Weinberg arbeitet die Tenuta Carretta nach Grundsätzen des integrierten Anbaus: manuelle Lese, minimierter Pflanzenschutzmitteleinsatz, der auf den absolut notwendigen Schutz der Reben beschränkt bleibt. Im Keller folgt daraus konsequente Handarbeit: langsames Pressen ganzer Trauben, kontrollierte Mazerationszeiten — jeder Schritt mit dem Ziel, die Balance der Trauben unverfälscht in die Flasche zu überführen. Eine besondere Rolle spielt dabei der Arneis, die weiße Leitsorte des Roero. Die Tenuta gehörte zu den Pionieren, die diese Rebsorte aus der Bedeutungslosigkeit zurückholten, als sie im Piemont der 1970er-Jahre kaum noch angebaut wurde.
Das Sortiment spannt den Bogen durch die bedeutendsten Appellationen des südlichen Piemonts: vom aromatisch-frischen Roero Arneis Cayega über den Gavi del Comune di Gavi und den Langhe Nebbiolo Podio bis zu den großen Roten — Barbaresco Garassino aus den Treiso-Lagen, Cascina Ferrero Barolo und der Flaggschiffflasche Barolo Cannubi DOCG. Ergänzt wird das Spektrum durch einen Langhe Rosato und einen Nebbiolo d'Alba Spumante Extra Brut — ein Zeichen dafür, dass das Haus Tradition und Experiment gleichermaßen ernst nimmt.