Über 850 Jahre Weingeschichte — und ein Neuanfang mit leeren Händen
Auf den Hängen oberhalb der Elbe bei Meißen wird seit mehr als 850 Jahren Wein kultiviert — urkundlich belegt, kirchlich bewirtschaftet, von Generationen geformt. Die Familie zur Lippe gehört seit dem 18. Jahrhundert zu den Alteingesessenen dieser Landschaft. 1945 endete diese Kontinuität abrupt: Die Enteignung im Zuge der Bodenreform war entschädigungslos, das Schloss wurde geplündert, die Weinberge gingen in LPG-Bewirtschaftung über. Es war Dr. Georg Prinz zur Lippe, das jüngste von sieben Kindern, der nach dem Mauerfall zurückkehrte. Ab 1990 kaufte er Stück für Stück zurück — Weinberge, Gebäude, schließlich 1997 das Schloss selbst. „Ich hatte von zu Hause aus keinen Pfennig Geld, also musste ich große Kredite aufnehmen, um hier jeden Strauch, jeden Stein neu zu kaufen." Aus diesem Neuanfang entstand Sachsens ältestes privat bewirtschaftetes Weingut in seiner heutigen Form.
1996 wurde das Gut in den Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) aufgenommen — eine frühe Anerkennung der konsequenten Qualitätsorientierung, die Georg Prinz zur Lippe von Beginn an verfolgte. Seit 1998 werden die Trauben in einer modernen Kellerei im historischen Vierseitenhof in Zadel verarbeitet, der nach dem Verfall der LPG-Jahre vollständig neu aufgebaut wurde.
Biologischer Weinbau im Zeichen der Lipp'schen Rose
Rund 70 Hektar Rebfläche verteilen sich auf Lagen oberhalb der Elbe, geprägt von rotem Granitfelsen unter einer Decke aus Lößlehm. Die beiden Flaggschiff-Lagen — Schloss Proschwitz und Kloster Heilig Kreuz — tragen VDP-Klassifizierung als Große Lagen. Bewirtschaftet werden alle drei Weinbaubereiche im Zeichen der Lipp'schen Rose, seit Mitte 2024 offiziell BIO-zertifiziert.
Im Weinberg verzichtet das Gut auf chemisch-synthetische Pestizide und mineralische Dünger. Blühstreifen und Trockenmauern schaffen Lebensraum für Insekten und Vögel, Regenwassernutzung und energieeffiziente Technik reduzieren den ökologischen Fußabdruck. Das Denken ist generationenübergreifend: nicht der Ertrag des laufenden Jahrgangs steht im Mittelpunkt, sondern der Erhalt fruchtbarer Böden für künftige Bewirtschaftung. Im Keller arbeitet Kellermeister Alexey Ryabov mit klassischer Sedimentation, präziser Kühlung bei der Vergärung und einer Filtration ausschließlich durch Naturstoffe — ein schonender Ansatz, der die Frucht der Trauben in den Vordergrund stellt.
Klare Frucht, mineralische Kante — das Sortiment der Elbe-Steillagen
Das Sortiment spiegelt die Vielfalt des sächsischen Anbaugebiets: Weißburgunder und Grauburgunder als burgundische Ankersorten, dazu Riesling, Scheurebe und die regional verwurzelten Sorten Elbling und Goldriesling. Der Elbling, eine der ältesten in Sachsen angebauten Rebsorten, zeigt hier auf Granit seine ureigene Säurestruktur. Der Goldriesling, eine sächsische Kreuzung mit kaum mehr als regionaler Bedeutung, entwickelt auf Lößlehm eine unerwartete aromatische Breite. Die Große-Lagen-Weine — Weißburgunder und Spätburgunder aus der Proschwitz-Lage — werden mit aprikosen- und nussfruchtigen Noten beschrieben, der Grauburgunder aus Kloster Heilig Kreuz bringt das Potenzial dieser linkselbischen Lage auf Spätlese-Niveau zum Ausdruck. Jährlich entstehen rund 400.000 Flaschen — von zugänglichen Gutsweinen bis zu klassifizierten Gewächsen, die das Terroir der Elbe klar lesbar machen.