Von der Arztpraxis zum Herzstück australischer Weingeschichte
Penfolds beginnt nicht im Weinkeller, sondern in der Medizin. 1844 emigrierte der englische Arzt Dr. Christopher Rawson Penfold mit seiner Frau Mary nach Südaustralien und kaufte Land in Magill, wenige Kilometer östlich von Adelaide. Die ersten Rebstöcke — Stecklinge aus dem Süden Frankreichs — pflanzte er nicht primär als Unternehmer, sondern als Mediziner: Die frühen Weine wurden als Stärkungsmittel für Patienten verschrieben. Da Christopher Penfold seiner ärztlichen Praxis den Vorrang gab, übernahm Mary Penfold rasch die Führung des Weinguts und legte damit den Grundstein für eine Betriebsphilosophie, die das Haus bis heute prägt. Aus diesem Familienbetrieb wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts einer der größten Weinproduzenten der Region Adelaide. 1903 war Penfolds bereits das volumenstärkste Weingut der Gegend, zwischen 1904 und 1912 kamen Weinberge in McLaren Vale und New South Wales hinzu.
Das nächste prägende Kapitel schrieb Kellermeister Max Schubert. Nach einer Studienreise nach Frankreich im Jahr 1950 verfolgte er eine klare Idee: einen australischen Rotwein zu schaffen, der mindestens zwanzig Jahre reifen kann. 1951 entstand der erste experimentelle Jahrgang des Grange Hermitage — benannt nach dem Anwesen der Penfolds in Magill. Als das Penfolds-Board das Projekt Anfang der 1950er Jahre stoppte, produzierte Schubert die Weine im Verborgenen weiter. 1960 wurde Grange rehabilitiert, danach strömten die Goldmedaillen. Heute ist Grange ein offiziell anerkanntes Kulturerbe des Bundesstaates South Australia.
Keine Grenzen für gute Trauben: die Multi-Regional-Philosophie
Was Penfolds von den meisten europäischen Weingütern grundlegend unterscheidet, ist der Ansatz beim Fruchtbezug. Statt die Herkunft einer einzelnen Lage in den Vordergrund zu stellen, werden Trauben aus verschiedenen Regionen gezielt zu einem konsistenten Hausstil assembliert — multi-regional, multi-varietal blending als Kernprinzip. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Obst aus dem Barossa Valley, McLaren Vale, Coonawarra, dem Eden Valley oder inzwischen aus Napa Valley stammt: Entscheidend ist ausschließlich, ob die Frucht den Anforderungen des jeweiligen Weinstils entspricht. Da Australien kein staatlich reguliertes Appellationssystem kennt, entwickelte Penfolds sein eigenes internes Qualitätsgefüge — die Bin-Hierarchie, deren Nummern ursprünglich auf konkrete Lagerfächer in den Magill-Kellern zurückgehen.
Die Kontinuität dieses Ansatzes sichern außergewöhnlich lange Amtszeiten im Keller: Seit der Ära Max Schubert (ab 1948) gab es in der modernen Geschichte von Penfolds lediglich vier Chefkellermeister. Peter Gago leitet das Haus seit 2002. Diese Konstanz im Handwerk — kombiniert mit disziplinierter Traubenauswahl und Fasspraxis — ist ein wesentlicher Grund dafür, dass der Hausstil über Jahrzehnte und Jahrgänge erkennbar bleibt.
Shiraz, Cabernet und die Kraft des Assemblage
Im Glas zeigt sich der Penfolds-Stil durch das, was das Haus selbst als seinen Fingerabdruck beschreibt: ausgeprägte Mittelpalastreife, generöse Frucht und Lagerpotenzial. Shiraz ist die dominierende Rebsorte — von der warmen, tieffrüchtigen Ausdrucksweise des Bin 28 Kalimna Shiraz über das strukturstärkere, aus Grange-Fässern ausgebaute Bin 389 Cabernet Shiraz bis hin zum reinsortigen Bin 2 Shiraz Mataro, das mit dem Mataro-Anteil eine rustikalere Würze ins Spiel bringt. Cabernet Sauvignon übernimmt im Sortiment die Rolle des Gerüstbauers: tanninstark, archivfähig, oft jahrzehntelang entwicklungsfähig. Mit dem Bin 311 Chardonnay zeigt Penfolds, dass der Hausstil auch bei Weißweinen funktioniert — kühle Herkunftslagen, Fassbeeinflussung mit Augenmaß, Frische als Ziel. Das Sortiment reicht heute weit über Australien hinaus: Bin 600 und Bin 704 verbinden südaustralische und kalifornische Frucht zu grenzüberschreitenden Cuvées, und der Champagner Penfolds x Brut Rosé belegt, dass das Haus auch das nördliche Frankreich als Spielfeld akzeptiert. Wer sich in dieses Sortiment einarbeitet, folgt einem System — und versteht mit jedem Wein ein Stück mehr, was der Begriff Hausstil in der Praxis bedeutet.