Von der Bodega in der Cuevas-Straße zur internationalen Marke
Den Anfang machte ein Getreidespeicher: Ramón Bilbao Murga zog 1914 nach Haro, kaufte Parzellen entlang der Straße nach Casalarreina und begann, Tempranillo-Reben zu pflanzen. 1924 eröffnete er eine eigene Bodega in der Cuevas-Straße — genau dort, im historischen Zentrum der Rioja Alta, liegt das Weingut bis heute. Zwei Jahre nach der Gründung erhielt die Rioja ihre Denominación de Origen, und Ramón Bilbao war von Beginn an Teil dieser regulierten Weinkultur. Generationenwechsel und Eigentümerwechsel folgten: Nach dem Tod des letzten Familienerben ohne Nachfolger in den 1960er-Jahren wurde die Bodega als Gesellschaft weitergeführt, bevor die Zamora Company das Haus 1999 übernahm. Mit der Übernahme kam auch Rodolfo Bastida — Riojaner, Önologe und seither Geschäftsführer des Hauses — und leitete eine grundlegende Modernisierung ein, ohne die klassische Herkunft preiszugeben.
Terroir, Präzision und ein klares Bekenntnis zum Klimaschutz
Rund 250 Hektar Eigenrebfläche bewirtschaftet Ramón Bilbao heute — verteilt auf die Rioja Alta, die Rioja Oriental und die Weißweinlage Finca Las Amedias in Rueda, auf 770 Metern Höhe mit sandigen Böden für Verdejo und Sauvignon Blanc. In der Rioja setzt Bastidas Team gezielt auf Höhenlagen, wo niedrigere Temperaturen und bessere Durchlüftung den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden erheblich reduzieren. Organischer Schafsdünger ersetzt Kunstdünger, Pheromonfallen schützen die Trauben zur Lese. Präzisionsviticulture mit Daten aus lokalen Wetterstationen steuert Bewässerung und Behandlungsbedarf je Parzelle. 2018 wurde Ramón Bilbao als erstes Weingut Spaniens von der Organisation Wineries for Climate Protection für Keller und Weinberge zertifiziert — ein Meilenstein, auf dem die Bodega seitdem weiter aufgebaut hat: Mitgliedschaft in der International Wineries for Climate Action, Umstellung auf erneuerbare Energien und das erklärte Ziel der Klimaneutralität bis 2050.
Im Keller arbeitet das Team konsequent mit Rückverfolgbarkeit: Jeder Weintyp hat seine eigene Traubenquelle und Verarbeitungslinie. Beim Flaggschiff Mirto etwa folgt auf eine kurze Kaltmazeration die Vergärung mit täglichem Remontage und Pigeage; der Wein wird erst am Ende des Prozesses filtriert. Diese Detailgenauigkeit im Keller setzt sich im Umgang mit Fass und Reifezeit fort — je nach Linie in amerikanischer oder französischer Eiche.
Tempranillo in allen Aggregatzuständen — vom Crianza bis zum Mirto
Das Sortiment spannt einen weiten Bogen, der die unterschiedlichen Gesichter der Rioja zeigt. Der Crianza steht für den zugänglichen, fruchtbetonten Einstieg in den Ramón-Bilbao-Stil: frische rote Frucht, weiches Tannin, ein Hauch Vanille aus dem amerikanischen Eichenfass. Der Reserva — eine Cuvée aus Tempranillo mit Anteilen Mazuelo und Graciano von über 40 Jahre alten Bushreben — verbringt 20 Monate in amerikanischer Eiche und zeigt anschließend die klassische Rioja-Spannung zwischen roter Frucht und balsamischen Noten mit trockener, langer Würze. Der Gran Reserva zieht diese Linie weiter und bleibt im Gaumen durch Aromen von gedörrter Pflaume, Lakritze und Zedernholz geprägt, ohne an Frische zu verlieren. Das Mirto markiert die ambitionierte Spitze: 100 % Tempranillo aus Spitzenlagen, ausgebaut in französischer Eiche, mit stärker strukturiertem Körper, dunkler Frucht und einem samtigen Abgang. Ergänzt wird das Portfolio durch den Rosado — frisch und trocken für warme Abende — sowie den Verdejo aus Rueda, der die weißweinige Flanke des Hauses abdeckt: mineralisch, mit feiner Zitrusstruktur. Wer sich durch die Linien trinkt, bekommt ein vollständiges Bild davon, was atlantisch geprägtes Klima, tonhaltiger Boden und ein konsequenter Handwerksstil aus der Tempranillo-Traube herausholen können.