Seit 1639 in Riquewihr: Eine Familie schreibt Weingeschichte
Hans Ulrich Hugel ließ sich 1639 im elsässischen Riquewihr nieder – als Schweizer, der den Dreißigjährigen Krieg hinter sich gelassen hatte und in den Weinbergen am Fuß der Vogesen eine neue Heimat fand. Was er gründete, ist heute ein über 385 Jahre altes Familienunternehmen, das die 13. Generation noch immer in Eigenregie führt. Das Wappen, das noch heute als Logo dient, wurde 1672 in den Türsturz eines Riquewihrer Hauses gemeißelt – gebaut von einem Sohn des Gründers. 1902 bezog das Haus seine heutigen Räumlichkeiten im Herzen des mittelalterlichen Ortskerns, wo Keller und Hauptsitz bis heute geblieben sind.
Den stärksten Fingerabdruck im 20. Jahrhundert hinterließ Jean „Johnny" Hugel. Als Weinexperte Tom Stevenson ihn als „die wichtigste Einzelperson in der Entwicklung des elsässischen Weinbaus im 20. Jahrhundert" beschrieb, meinte er vor allem Jeans Arbeit an der gesetzlichen Verankerung der Vendange Tardive und der Sélection de Grains Nobles – Klassifizierungen für Spätlese- und Edelfäuleweine, deren Entstehung Hugel maßgeblich vorangetrieben hat. Die 1984 festgeschriebenen Produktionsregeln gelten bis heute als die strengsten innerhalb aller französischen AOC-Gebiete. Hugel war damit nicht nur Produzent, sondern Gesetzgeber im besten Sinne.
Handarbeit, Terroir und nachhaltige Bewirtschaftung
Das eigene Weingut umfasst 30 Hektar in und um Riquewihr, großteils als Grand Cru klassifiziert – darunter der Schoenenbourg, eine Steilhanglage, die zu den renommiertesten Riesling-Terroirs des Elsass zählt. Hinzu kommen Trauben aus rund 110 Hektar, die Vertragsbauern in der Region langfristig und nach Hugels Vorgaben bewirtschaften. Die Rebstöcke im eigenen Besitz sind im Schnitt 35 Jahre alt. Angebaut werden ausschließlich die klassischen elsässischen Sorten: Riesling, Gewürztraminer, Pinot Gris, Pinot Blanc und Muskateller.
Die Weinberge werden nachhaltig bewirtschaftet – mit begrenztem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, gezieltem Kompostieren und durchdachter Laubarbeit zur Ertragssteuerung. Das Weingut trägt die Zertifizierungen Terra Vitis und High Environmental Value 3 (HVE 3), die höchste Stufe der französischen Nachhaltigkeitskennzeichnung. Die Lese erfolgt ausschließlich von Hand, damit die Traubenauswahl am Stock kontrolliert werden kann. Im Keller, unter Gebäuden aus dem 16. Jahrhundert, werden die Trauben schonend gepresst; auf Barriquereifung oder Restzuckerauffüllung wird bewusst verzichtet. Jeder Produktionsschritt wird von einem Familienmitglied persönlich begleitet.
Reinsortiger Rebsortencharakter – vom Einstieg bis zur Rarität
Was Hugel-Weine von vielen elsässischen Erzeugern unterscheidet: Sie tragen keine Grand Cru-Bezeichnung auf dem Etikett – nicht weil es an Qualität fehlt, sondern weil die eigenen Qualitätsmaßstäbe die offiziellen Klassifizierungsregeln übertreffen. Das Sortiment gliedert sich von der zugänglichen Classic-Linie über die Estate-Weine aus eigenen Lagen bis hin zur Grossi Laüe-Reihe, die den Charakter einzelner Parzellen herausarbeitet. Die markanten gelben Etiketten – ein Wiedererkennungszeichen seit Generationen – stehen für trockene bis edelsüße Weine, die den Rebsortencharakter in den Vordergrund stellen: die kühle Mineralität des Rieslings, die opulente Würze des Gewürztraminers, die texturale Tiefe des Pinot Gris. Rund 90 Prozent der Produktion gehen in den Export, in über 100 Länder – was Hugel faktisch zum bekanntesten Botschafter des Elsass weltweit macht. Mitglied der Primum Familiae Vini, dem Zusammenschluss der renommiertesten Weinfamilien der Welt, ist das Haus seit Jahren – eine Zugehörigkeit, die seinen Stellenwert treffend zusammenfasst.