Von der Schwägerfamilie zur größten Bodega Europas
Die Geschichte von Williams & Humbert beginnt 1877 mit einer persönlichen Entscheidung: Sir Alexander Williams, ein Brite mit tiefer Leidenschaft für die Weine von Jerez, verließ seine Stelle bei der Bodega Wisdom & Warter, nachdem ihm eine Partnerschaft verweigert wurde. Mit einem Darlehen seines künftigen Schwiegervaters mietete er ein Lager in Jerez de la Frontera, öffnete ein Büro in London und verschiffte noch im Gründungsjahr die ersten zwei Fässer Fino nach England – damals eine Rarität auf dem internationalen Markt. Später stieß Arthur Humbert, sein Schwager und Spezialist für internationale Handelsbeziehungen, als Gesellschafter hinzu, und das Haus nahm seinen heutigen Namen an.
In den 1920er Jahren wirkte Williams & Humbert an der Gründung der Denominación de Origen Jerez-Xérès-Sherry mit und half damit, den rechtlichen und qualitativen Rahmen zu schaffen, der die gesamte Region bis heute prägt. 1972 wurde das Haus von Rumasa übernommen, nach der staatlichen Enteignung des Konzerns 1983 übernahm die Familie Medina – erfahrene Jerez-Kellermeister, die seit den 1960er Jahren im Weinbau der Region verwurzelt sind – die Führung und machte das Unternehmen zu einem vollständig familiengeführten Betrieb.
Albariza-Böden, 60.000 Fässer und organischer Wandel
Die Bodega am Stadtrand von Jerez de la Frontera ist ein Bauwerk für sich: Der in den 1970er Jahren errichtete Betonkomplex fasst mehr als 60.000 Fässer aus amerikanischer Eiche und gilt als größtes Weingutgebäude Europas. Sieben Keller liegen unter einem Dach, verbunden durch einen rund 700 Meter langen Korridor. Um Temperatur und Luftfeuchtigkeit stabil zu halten, wird der Albero-Sandboden mit Regenwasser bewässert, das durch die charakteristischen Kegelstützen des Dachs geleitet wird – eine Technik, die den Fässern und dem reifenden Wein zugute kommt.
Die eigenen Weinberge liegen in den Toplagen des Jerez Superior auf Albariza-Böden, dem weißen Kreidekalk, der die Feuchtigkeit speichert und den Reben in der trockenen andalusischen Sommerhitze zugutekommt. Seit über 25 Jahren arbeitet das Haus an nachhaltigen Praktiken; 2015 startete die vollständige Umstellung auf ökologischen Weinbau in neuen Parzellen, und 2018 brachte Williams & Humbert den ersten zertifizierten Bio-Fino der Region auf den Markt. Auch Pedro Ximénez wird inzwischen ökologisch bewirtschaftet.
Das gesamte Solera-Spektrum – von knochentrocken bis samtdunkel
Was Williams & Humbert stilistisch auszeichnet, ist die Breite: Das Sortiment deckt das vollständige Spektrum der Jerez-Weinkultur ab. Trockener Fino, gereifter Amontillado, nussiger Oloroso, dicht-süßer Pedro Ximénez und cremiger Cream Sherry entstammen jeweils eigenständigen Soleras, deren älteste Lagen bis in die Gründungszeit zurückreichen. Die Marke Dry Sack, seit 1906 im Programm, ist eine der bekanntesten Sherry-Cuvées weltweit. Die Don Zoilo-Linie steht für klar stilisierte, sortenreine Einzelstile – ein Fino mit feiner Hefenote, ein Amontillado mit Walnuss und Trockenfrüchten, ein PX mit Dattel und dunkler Schokolade. Auch jenseits des Sherrys ist das Haus präsent: Der Dos Maderas Rum reift zunächst fünf Jahre in Ex-Bourbon-Fässern in der Karibik (Barbados und Guyana), bevor er in Jerez in ehemaligen Sherry-Fässern von Williams & Humbert sein Finish erhält – ein direkter Brückenschlag zwischen karibischer Destillationstradition und andalusischer Reifungskunst.