Von Ornellaia nach Bibbona: Ein zweites Meisterwerk der Antinoris
Die Geschichte der Tenuta di Biserno beginnt 1994, als Marchese Lodovico Antinori auf der Suche nach Land für sein damaliges Gut Ornellaia die Hügel von Bibbona in der Alta Maremma erkundete. Was er fand, war zu eigenständig, zu steinig und zu hügelig, um es Ornellaia anzugliedern — und zu gut, um es liegenzulassen. Als Lodovico Ornellaia 2002 verkaufte, griff er auf dieses Terrain zurück: 2001 gründeten er, sein Bruder Marchese Piero Antinori und ihr gemeinsamer Neffe Niccolò Marzichi Lenzi die Tenuta di Biserno. Die Familie Antinori brachte dabei nicht nur Kapital, sondern eine der ältesten Weinbaudynastien Italiens mit — Piero hatte 1971 mit dem Tignanello den Supertuscan miterfunden, Lodovico 1988 mit Ornellaia das Bolgheri-Kapitel aufgeschlagen. Biserno war ihr gemeinsamer nächster Schritt.
Aus der parzellengenauen Untersuchung des Gebiets entstanden schließlich drei eigenständige Betriebe: Tenuta di Biserno, Campo di Sasso und Collemezzano. Seit 2014 führt Niccolò Marzichi Lenzi das Gut als Geschäftsführer operativ. 2016 stieß Lodovicos Tochter Sophia Antinori hinzu und inspirierte mit dem Rosé Sof eine weitere Linie des Hauses.
Parzellendenken an der Küste: Terroir, Lese und Kellerarbeit
Die Kernrebfläche der Tenuta di Biserno umfasst rund 40 Hektar auf etwa 90 Metern Meereshöhe — nördlich von Bolgheri, aber außerhalb der dortigen DOC-Grenzen, weshalb alle Weine als Toscana IGT klassifiziert sind. Das Terroir ist ausgesprochen vielfältig: alluviale und tonkalkhaltige Böden wechseln mit marinen und vulkanischen Ablagerungen, dazu kommen unterschiedliche Expositionen und Abstände zum Tyrrhenischen Meer. Diese Vielfalt ist kein Nachteil, sondern Programm. Jede Parzelle wird separat vinifiziert, um ihren eigenen Charakter zu bewahren. Die Lese erfolgt ausschließlich von Hand, die Trauben werden auf Sortiertischen selektiert. Im Keller gärt der Most in temperaturkontrollierten Edelstahltanks; der Ausbau findet in französischen Barriques statt — beim Flaggschiff Biserno rund 15 Monate in neuen Fässern, gefolgt von weiterer Flaschenreife. Die Weinberge werden naturnah und nachhaltig bewirtschaftet.
Bordelaiser Cuvées mit toskanischer Präzision
Im Mittelpunkt stehen vier Bordelaiser Rebsorten: Cabernet Franc, Merlot, Cabernet Sauvignon und Petit Verdot — wobei Cabernet Franc die stilprägende Rolle übernimmt, eine Seltenheit in der Maremma. Die kühlen Meeresbrisen, die intensive Sonne und die mineralreichen, durchlässigen Böden ergeben Trauben mit hoher Konzentration und lebendiger Säure zugleich. Das Sortiment gliedert sich klar: Biserno ist die große Cuvée des Hauses — dicht, tiefgründig, mit Potenzial für lange Kellerreifung. Il Pino di Biserno interpretiert dasselbe Terroir zugänglicher und lebhafter. Der Insoglio del Cinghiale bildet den Einstieg ins Sortiment, ohne auf Herkunftscharakter zu verzichten. Alle drei Linien eint das Ziel, das Lodovico Antinori von Anfang an formulierte: Weine, die mit den großen Bordeaux-Cuvées auf Augenhöhe stehen — gewachsen auf toskanischem Boden.