Seit 1385: Vom Florentiner Seidenhandel zur Weinikone der Toskana
Die Geschichte der Marchesi Antinori beginnt 1385, als Giovanni di Piero Antinori der Florentiner Winzergilde beitrat — damals noch eine Florentiner Kaufmannsfamilie, die ihr Kapital im Seidenhandel verdiente und früh das Potenzial toskanischer Reblagen erkannte. Über 26 Generationen und mehr als sechs Jahrhunderte führte die Familie das Unternehmen ununterbrochen in Eigenregie, ohne je einen Verkauf oder Bruch in der Besitzlinie. Dieser Kontinuität verdankt das Haus seinen tiefen Lagenkenntnisse, darunter das historische Weingut Tignanello im Herzen des Chianti Classico.
Der nächste große Wendepunkt kam 1928, als Niccolò Antinori mit dem Villa Antinori den ersten lagerfähigen Chianti auf den Markt brachte — einen Wein, der Struktur und Reifepotenzial über den damals üblichen Konsumwein stellte und das Gütesiegel Chianti Classico Riserva mitprägte. Die eigentliche Revolution folgte 1971: Piero Antinori entwickelte gemeinsam mit Önologe Giacomo Tachis den Tignanello, eine Cuvée aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Merlot, ausgebaut in Barriques statt in großvolumigen Fässern. Dieser Wein, benannt nach dem gleichnamigen Weinberg, brach bewusst mit den geltenden DOC-Regeln und begründete die Kategorie der Supertoskaner. Heute lenken Pieros Töchter Albiera, Allegra und Alessia das Unternehmen.
Kellerbau als Haltung: Schwerkraft, Boden und Nachhaltigkeit
2012 eröffnete Antinori bei Bargino nahe San Casciano die neue Hauptkellerei Antinori nel Chianti Classico — für 26 Generationen das erste Weingut, das explizit für den Empfang von Besuchern konzipiert wurde. Das Gebäude ist fast vollständig in den Hügel vergraben; von außen sieht man nur zwei horizontale Schnitte in der Landschaft. Lokal gewonnene Materialien, darunter toskanische Terrakotta, prägen den Bau. Der gesamte Herstellungsprozess folgt dem Schwerkraftprinzip: Geerntete Trauben werden auf Bodenniveau eingemaischt und fließen von dort ohne Pumpen in die Gärtanks. Wasser wird aufbereitet und im Kreislauf genutzt.
Im Weinberg setzt Antinori auf Präzisionsviticultur: Multispektral-Drohnen, Wetterstationen und Roboter-Systeme begleiten die Arbeit, um chemische Eingriffe zu minimieren. Einzelne Güter, darunter Castello della Sala in Umbrien, sind bereits biozertifiziert. Albiera Antinori bringt die Philosophie des Hauses auf den Punkt: „We are not owners of the land but its guardians." 2022 wurde die Kellerei von World's Best Vineyards auf Platz eins der weltweit besten Weingüter gewählt.
Sangiovese als Kern, Internationalität als Erweiterung
Das Sortiment reicht vom zugänglichen Einstieg bis zu Weinen mit langem Reifehorizont, doch der rote Faden bleibt Sangiovese in seinen verschiedenen toskanischen Ausdrucksformen. Der Chianti Classico — ob als Pèppoli, Badia a Passignano Gran Selezione oder Marchese Antinori Riserva — zeigt die Bandbreite: von frischer Kirschfrucht mit kräuter-salzigem Abgang bis hin zu strukturierten, tanninreichen Weinen mit deutlichem Barrique-Einfluss und Lagerpotenzial von zehn und mehr Jahren. Aus der Tenuta Tignanello kommen sowohl der gleichnamige Supertoskaner als auch Weine der Toscana IGT, die den Cuvée-Gedanken mit internationalen Rebsorten fortführen. Aus der Maremma stammt das Gut La Braccesca, das mit dem Sabazio im Rosso di Montepulciano die Vino Nobile-Zone bespielt.
Neben Wein umfasst das Sortiment auch Destillate: Die Grappa Tignanello entsteht aus den Tresterrückständen des gleichnamigen Weins und trägt dessen aromatisches Profil — dunkle Frucht, Gewürze, langer Abgang — in konzentrierter Form weiter. Wer die Weine Antinoris trinkt, bekommt keine austauschbare Toskana-Schablone, sondern Lagen und Jahrgänge, hinter denen sechs Jahrhunderte Kellerwissen stehen.