Von Elsass nach Provence: Wie Marcel Ott drei Terroirs formte
Die Geschichte von Domaines Ott beginnt 1896, als der Agraringenieur Marcel Ott aus dem Elsass in die Provence zog — in eine Region, die sich nach der Phylloxera-Verwüstung gerade neu erfand. 1912 erwarb er mit Château de Selle in Taradeau seinen ersten Besitz, ein ehemaliges Anwesen der Grafen der Provence auf kargen Hügeln zwanzig Kilometer von der Küste entfernt. Auf dürren Böden aus Gips, rotem Lehm und Sandstein begann er, Rebsorten wie Grenache, Cinsault und Mourvèdre anzupflanzen und Schritt für Schritt eine eigene Stilistik zu entwickeln. 1936 folgte Clos Mireille — ein 174 Hektar großes Areal direkt am Mittelmeer in La Londe-les-Maures, auf Schiefer- und Quarzböden, heute umgeben von einem Naturschutzgebiet. 1956 schloss die Familie mit Château Romassan in Le Castellet, mitten in der Bandol-AOC, das Trio ab. Seit dem Namenszusatz Domaines (Plural) steht die Idee des Verbunds aus drei eigenständigen Terroirs im Mittelpunkt — nicht ein großes, einheitliches Weingut, sondern drei Charaktere unter einem gemeinsamen Anspruch.
Seit 2004 gehören die Domänen zur Roederer-Gruppe, werden aber bis heute von Jean-François und Christian Ott, Cousins der vierten Generation, eigenständig geleitet. Die Familienhandschrift bleibt damit erhalten — verbunden mit den Mitteln eines der renommiertesten Weinunternehmen Frankreichs.
Organisch seit 2022, handwerklich seit Gründung
Was Marcel Ott als nachhaltigen, ertragsreduzierten Weinbau begann, ist heute in eine klare Struktur gegossen: Seit dem Jahrgang 2022 sind alle drei Domänen offiziell biologisch zertifiziert. In den Weinbergen wird dicht gepflanzt, der Ertrag streng begrenzt, auf Synthetik komplett verzichtet. Am Château Romassan arbeiten die Winzer im Weinberg mit der Gobelet-Erziehung, bei der jede Rebe einzeln auf einem Pfahl geführt wird — ein System, das den Rebstöcken maximale Eigenständigkeit gibt und den Bodencharakter direkt in die Frucht überträgt. Geerntet wird ausschließlich von Hand, die Trauben werden in 300-Kilogramm-Kisten gekühlt angeliefert und am nächsten Tag schonend im Ganzen gepresst — kurze Maischestandzeit, sorgfältige Vergärung in Stahltanks oder Fässern verschiedener Größen, regelmäßiges Aufmischen der Hefe über den Winter. Der Bandol-Rouge reift 18 Monate im Holz und anschließend bis zu 24 Monate auf der Flasche. Jede Domäne hat ihren eigenen Keller; der Keller von Château Romassan wurde 2023 modernisiert, um noch präziseres Arbeiten zu ermöglichen.
Drei Adressen, drei Handschriften — Rosé als roter Faden
Rosé ist das Rückgrat des Sortiments, aber nicht der einzige Ausdruck. Château de Selle, auf mineralisch-trockenen Kalksteinböden im Hinterland, liefert linear-strukturierte Weine mit feiner Mineralität. Clos Mireille, wo die Meeresluft direkt in die Schieferböden zieht, steht für salzige Frische und einen weißen Blanc de Blancs aus Sémillon und Rolle, der zur Rarität der Appellation gehört. Château Romassan in Bandol zeigt das muskulösere Gesicht der Provence: Mourvèdre dominiert den Rosé und den Rouge, gibt Struktur, Tiefe und Roten-Beeren-Frucht mit einem Hauch Garrigue und Lakritz im Abgang. Die Étoile-Cuvée — als Vin de France ohne Appelllations-Korsett — verbindet Trauben aus allen drei Terroirs zu einer freien Komposition, die als Destillat des Hauses gilt. Die charakteristische Amphoren-Flasche, 1932 von René Ott entworfen, ist dabei kein bloßes Design-Detail: Sie verweist auf die jahrtausendealte Weinbaugeschichte der Provence und ist inzwischen selbst ein Erkennungszeichen.