1960: Eine Genossenschaft gegen die Landflucht
Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Abruzzen von Abwanderung gezeichnet waren und ganze Dörfer sich leerten, blieben einige Winzerfamilien in Tollo. 1960 gründeten sie gemeinsam die Cantina Tollo — nicht nur als wirtschaftliches Projekt, sondern als kollektiven Akt zur Rettung einer Weinbauregion. Tollo liegt in der Provinz Chieti, rund 20 Kilometer von Pescara entfernt, auf einem Hügel zwischen adriatischer Küste und dem Maiella-Massiv der Apenninen. Diese geografische Lage — Meeresluft trifft Bergklima — prägt bis heute den Charakter der Weine. Aus der Selbsthilfegenossenschaft von damals ist eine der bekanntesten Kooperativen Italiens geworden, die heute rund 700 Mitgliederfamilien vereint, die gemeinsam rund 2.500 Hektar Rebfläche bewirtschaften.
In den 1960er und 70er Jahren spielte Cantina Tollo eine führende Rolle beim Aufbau des modernen Weinbaus in den Abruzzen. 2004 gründete die Gruppe mit Feudo Antico — auf dem Gelände einer antiken Römervilla — ein eigenständiges Weingut mit Fokus auf die Tullum DOCG, einer der kleinsten und jüngsten Denominationen Italiens. Seit 2019 gehört auch Auramadre zur Gruppe, ein 200-Hektar-Projekt mit Schwerpunkt auf biodynamischem Anbau aus mehreren Regionen.
Qualität statt Kilos: das Vigneto-Avanzato-Modell
Das Herzstück der Arbeitsweise ist das Programm Vigneto Avanzato, das die Genossenschaft seit mehr als zwei Jahrzehnten betreibt: Statt nach geliefertem Gewicht zu bezahlen, erhalten die Mitglieder eine Vergütung auf Basis der bewirtschafteten Hektarfläche. Das Modell setzt systematisch Anreize für Qualität statt Menge und stabilisiert die Einkommen der Anbauerfamilien auch in schwierigen Jahrgängen. Satelliten-Monitoring, Bodenkartierung und Präzisionswinzerarbeit sind Teil dieses Ansatzes.
Nachhaltigkeit ist dabei kein Bekenntnis auf dem Etikett: Cantina Tollo begann bereits in den 1990er Jahren mit biologischem Anbau — zu einer Zeit, als das in der Region noch kaum Thema war. 2022 erhielt die Genossenschaft die Equalitas-Zertifizierung, die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeitsstandards entlang der gesamten Produktionskette bewertet. Hinzu kommen die ISO-14001-Zertifizierung für Umweltmanagement und eine vegane Zertifizierung für die organische Weinlinie seit 2016. Forschung gehört ebenfalls zum Selbstverständnis: In Zusammenarbeit mit dem Experimental Institute for Viticulture in Conegliano trieb Cantina Tollo die Wiederentdeckung der fast vergessenen autochthonen Rebsorte Maiolica voran und pflanzte 2019 erste Reben in Tollo.
Montepulciano als Kern, Vielfalt als Programm
Das Sortiment baut auf den klassischen Rebsorten der Abruzzen auf: Montepulciano d'Abruzzo als kraftvolle Rotwein-Basis, dazu Cerasuolo d'Abruzzo als charakterstarker Rosé, Trebbiano und Chardonnay für die weißen Linien sowie Pecorino und Passerina als autochthone Weißweinsorten. Die Hügel zwischen Adria und Apennin liefern die klimatischen Voraussetzungen: milde Sommer, ausgeprägte Tag-Nacht-Temperaturschwankungen, lehmig-kalkhaltige Böden mit guter Durchlüftung — alles förderlich für Reife und Frische im Glas. Innerhalb des Sortiments spannen die Linien einen weiten Bogen: von zugänglichen Alltagsweinen wie dem Colle Secco bis zu den gereiften Riserva-Weinen wie Cagiolo und Mo, die mehr Kellerzeit und Tiefe mitbringen. Die Weine werden in über 40 Länder exportiert.