Von der Fassweingenossenschaft zur Stimme des Sulcis
Im äußersten Südwesten Sardiniens, unweit der weißen Dünen von Porto Pino, liegt Santadi – ein kleines mittelalterliches Städtchen, umgeben von Weinbergen, Steineichen und Wacholder. Hier gründeten 1960 eine Gruppe lokaler Weinbauern eine Genossenschaftskellerei mit einem schlichten Ziel: Trauben gemeinsam zu vinifizieren und Fasswein zu verkaufen. Zwei Jahrzehnte lang blieb die Cantina di Santadi genau das – eine solide, aber unauffällige Kooperative ohne überregionalen Anspruch.
Den Wandel brachten Mut und ein entscheidender Personalentscheid. Unter der Führung von Präsident Antonello Pilloni holte die Cantina in den 1980er Jahren Giacomo Tachis als Berater – denselben Önologen, der zuvor Sassicaia, Tignanello und Solaia geprägt hatte. Tachis erkannte im Sulcis etwas, das andere übersehen hatten: die stille Größe des Carignano del Sulcis. 1984 entstand der Terre Brune, der erste im Barrique ausgebaute Rotwein Sardiniens überhaupt – und damit der Beweis, dass diese Insel Weine von internationalem Format hervorbringen kann. Die Cantina trägt Tachis' Vermächtnis bis heute: Die Straße, an der sie liegt, heißt Via Giacomo Tachis 14.
Handwerk im Weinberg, Präzision im Keller
Heute bewirtschaften rund 150 Mitglieder der Genossenschaft über 550 Hektar Weinberge, alle innerhalb eines Radius von etwa 30 Kilometern um die Kellerei. Das Terroir des Sulcis ist dabei alles andere als homogen: Sandige Böden wechseln mit rotem Lehm und Kalkstein, das mediterrane Klima wird durch den ständigen Nordwind gemildert, der Feuchtigkeit nimmt und die Trauben gesund hält. Besonders wertvoll ist der Bestand an rund 150 Hektar wurzelechten Reben – Stöcke, die auf eigenen Wurzeln stehen und teils seit Generationen in der traditionellen Alberello-Erziehung wachsen.
Im Keller setzt die Cantina auf kontrollierte Vergärung in Edelstahltanks, Maischestandzeiten und délestage-Techniken, die sich am natürlichen Rhythmus jedes Mostes orientieren. Die malolaktische Gärung erfolgt in Betonbehältern. Die bedeutendsten Rotweine reifen anschließend in französischen Barriques. Photovoltaikanlagen und eine eigene Kläranlage sind Teil des Betriebs. Die oenologische Linie führt heute Giorgio Marone fort – Schüler und langjähriger Kollege von Giacomo Tachis – in enger Abstimmung mit den Winzer-Mitgliedern und dem hauseigenen Analytiklabor.
Carignano als Leitfaden – und was das Sortiment sonst zu bieten hat
Das Herzstück des Sortiments ist der Carignano del Sulcis in drei Ausdrucksformen: Der Grotta Rossa zeigt die Rebsorte jugendlich und fruchtbetont, mit dunklen Beeren und mediterranen Kräutern. Der Rocca Rubia Riserva bringt längere Kellerreife mit, mehr Struktur, mehr Tiefe. Der Terre Brune schließlich – nach 16 bis 18 Monaten in neuen Barriques und anschließender Flaschenreife – verbindet Brombeere, Myrte, Lakritz und Tabak mit einer samtigen Tanninstruktur. Er gilt als Flaggschiff der Cantina und als Referenzwein des sardischen Weinbaus.
Auf der weißen Seite steht der Villa Solais aus Vermentino für das andere Gesicht des Sulcis: frisch, salzig, mit Zitrusnoten und feiner Blütenaromatik – ein Wein, der die Meeresnähe direkt ins Glas überträgt. Das Sortiment spiegelt damit das gesamte Spektrum einer Region, die zu den ältesten besiedelten Gebieten Europas zählt und deren Weine heute auf fünf Kontinenten zu finden sind.