Von der Nachkriegskellerei zum Maßstab des venezianischen Weißweins
Alles begann 1948, als Almerino Anselmi in Monteforte d'Alpone, östlich von Verona, mit dem Weinbau anfing. Die Familie wirtschaftete zunächst wie damals üblich: Quantität zählte mehr als Qualität, die Pergola-Erziehung lieferte große Mengen, die Keller liefen im Takt des regionalen Massenmarkts. Das änderte sich grundlegend, als Roberto Anselmi 1975 den väterlichen Betrieb übernahm. Statt in den Spuren seines Vaters zu bleiben, begann er die Weinberge in den Hanglagen konsequent umzubauen, erwarb Toplagen rund um Monteforte d'Alpone und reduzierte die Ertragsmengen. Ab 1982 brachte er mit dem Capitel Foscarino und dem Capitel Croce zwei Einzellagen-Weißweine auf den Markt, die international Aufmerksamkeit erregten. Der entscheidende Bruch kam im Jahr 2000: Roberto Anselmi verließ das Soave-Konsortium mit einem offenen Brief — weil er die Regelungen als zu lax und die Richtung des Konsortiums als unvereinbar mit seinem Qualitätsanspruch ansah. Seither trägt kein einziger Wein aus Monteforte d'Alpone die Soave-Bezeichnung. Alle Labels laufen unter Veneto IGT — konsequent, unbequem, folgerichtig.
70 Hektar Hang, hohe Stockdichte und ein Blick auf PIWI-Sorten
Das Weingut bewirtschaftet heute 70 Hektar in den Hügeln von Monteforte d'Alpone, auf Böden aus vulkanischem Tuff und Kalkstein, die den Trauben ausgeprägte Mineralität und thermische Amplitude mitgeben. Die traditionellen, ertragreichen Pergola-Anlagen wurden durch Guyot und Cordon-Spur-Erziehung ersetzt — mit deutlich niedrigeren Erträgen und höherer Stockdichte. Im Keller arbeitet Anselmi mit Temperaturkontrolle und modernen Gärtechniken, die Frische und Struktur der Garganega-Traube bewahren, ohne sie zu überformen. Formale Bio-Zertifizierung sucht man vergeblich — der Familie ist instinktives Misstrauen gegenüber jeder Art von Regulierung eigen. Die Arbeitsweise im Weinberg folgt dennoch organischen Prinzipien: minimaler Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, gezielte Traubenselektion. Jüngster Schritt sind Versuche mit pilzresistenten PIWI-Sorten wie Souvignier Gris, Muscaris und Riesling Resistente — Roberto Anselmi gilt als einer der ersten renommierten Winzer weltweit, der diese Sorten in seine Topweine integriert. Im San Vincenzo laufen sie inzwischen als fester Bestandteil mit, ohne den Stil des Weines zu verändern. Heute verantworten Lisa und Tommaso Anselmi zunehmend die Geschicke des Betriebs — mit klarer Linie zur Philosophie des Vaters.
Garganega in drei Gesichtern: San Vincenzo, Capitel Foscarino, Capitel Croce
Das Sortiment von Anselmi dreht sich nahezu ausschließlich um Garganega — eine Rebsorte, der das Weingut erst ihren heutigen Ruf erarbeitet hat. Der San Vincenzo, benannt nach dem Schutzpatron der Weinbauern, ist der zugänglichste Einstieg: Pfirsich, Birne, eine zarte Zitruslinie, lebendige Säure und ein mineralischer Abgang, der nicht loslässt. Der Capitel Foscarino stammt vom gleichnamigen Vulkanhang auf rund 350 Metern Höhe — überwiegend Garganega mit einem Anteil Chardonnay, ausgebaut mit feiner Holzberührung. Aprikose, Jasmin, salzige Mandel und ein rauchiger Abschluss kennzeichnen diesen Cru. Der Capitel Croce wiederum ist reine, ungefilterte Garganega vom kalkgeprägten Hügel gleichen Namens: gelbe Äpfel, reife Birne, Zitrusschale, fester Körper, langer Abgang. Das Wort „Capitel" bedeutet im veronischen Dialekt „Wegkapelle" — die kleinen Schutzheiligtümer, die die Weinberge der Familie säumen, und nach denen die Weine seit Jahrzehnten heißen. Alle drei stehen für einen Stil, der Mineralität und Säurestruktur über Üppigkeit stellt: Weißweine, die sich zu Meeresfrüchten, gegrilltem Wolfsbarsch oder reifem Käse genauso gut schlagen wie zu einem schlichten Risotto mit Gemüse aus dem Garten.