Vom südmährischen Gut nach Hochheim: eine Familie, zwei Neuanfänge
Die Weinbaugeschichte der Familie Künstler reicht bis ins Jahr 1648 zurück — zunächst im südmährischen Untertannowitz, wo die Familie ihre Reben an den Hängen der Thaya pflegte. Nach Enteignung und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs gründete Franz Künstler das Weingut 1965 in Hochheim am Main neu, nachdem er zuvor rund 15 Jahre lang als Gutsverwalter in renommierten Betrieben gearbeitet hatte. Das denkmalgeschützte Gutsgebäude, in dem Künstler heute residiert, wurde 1837 errichtet und war einst die älteste Sektkellerei am Rhein — Gunter Künstler erwarb es 1996 zusammen mit den begehrten Weinbergslagen des ehemaligen Weinguts Aschrott. Gunter, Sohn von Franz, füllte bereits 1982 im Alter von 19 Jahren seinen ersten eigenen Jahrgang ab, studierte Weinbau und Önologie in Geisenheim und übernahm den Betrieb 1992 offiziell — gemeinsam mit seiner Frau Monika und einem jungen Team. Zwei Jahre später folgte die Aufnahme in den VDP.
Lagentreue, Handlese und der Verzicht auf Herbizide seit 1992
Über 70 Prozent der Rebfläche tragen die Klassifizierung VDP.GROSSE LAGE — eine Konzentration, die im Rheingau ihresgleichen sucht. Die Weinberge erstrecken sich von den kalkreichen Hochheimer Lagen über den Rüdesheimer Berg Schlossberg und Berg Rottland bis zur Rotweinlage Assmannshäuser Höllenberg sowie dem Erbacher Marcobrunn und der Monopollage Hattenheimer Pfaffenberg. Seit 1992 verzichtet das Weingut vollständig auf Herbizide; seit 2016 ist Künstler Mitglied bei Fair'n Green. Die Rebzeilen werden begrünt, die Trauben überwiegend von Hand gelesen und schonend gepresst. Im Keller entscheidet die Herkunft: Weißweine reifen je nach Lage und gewünschtem Stil entweder im Edelstahltank oder im großen klassischen Holzfass — mit langem Hefekontakt, der den Weinen Schmelz und Textur gibt. Für die Rotweine kommen noch heute über 60 Jahre alte Korbpressen zum Einsatz; nach der Maischegärung reifen sie im Barrique und anschließend ein weiteres Jahr auf der Flasche.
Kräftige Hochheimer Mineralität, Lagen-Riesling mit Reifepotenzial — und mehr als nur Weißwein
Riesling bildet mit rund 79 Prozent den klaren Schwerpunkt. Das Terroir von Hochheim unterscheidet sich spürbar vom mittleren Rheingau: Kalkstein prägt die Böden stärker als andernorts, was den Weinen eine cremige Textur, satte gelbe Frucht und eine besondere Tiefe verleiht. Die Großen Gewächse aus Lagen wie der Hochheimer Hölle, dem Kostheimer Weiß Erd oder dem Erbacher Marcobrunn zeigen, wie unterschiedlich Rheingau-Riesling sein kann — von dicht-mineralisch bis klar-straff, mit einem Reifepotenzial, das oft weit über zehn Jahre hinausgeht. Spätburgunder macht rund 15 Prozent der Produktion aus: Die Rotweine aus Assmannshausen und dem Hochheimer Reichestal werden im Barrique ausgebaut und entwickeln samtige, komplexe Profile. Dazu kommen Chardonnay, Sauvignon Blanc sowie ein Brut-nature-Sekt aus Assmannshäuser Trauben — Belege für ein Sortiment, das den Rheingau in seiner ganzen Breite abbildet, ohne den Fokus zu verlieren.