Von Burgenland nach Friaul: eine Familie schlägt Wurzeln
Die Geschichte von Jermann beginnt nicht in Italien. 1881 verließ Anton Jermann ein Dorf an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien und siedelte sich in Villanova di Farra im Friaul an — damals noch Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, heute Gemeinde Farra d'Isonzo in der Provinz Gorizia. Aus einfachen Landwirten wurden binnen weniger Generationen Weinbauern, die ihre Lage im Nordosten Italiens als das begriffen, was sie ist: ein Scharnier zwischen Mittelmeerklima und Alpenkühle, zwischen slawischer, germanischer und romanischer Prägung.
Die eigentliche Zäsur kam in den frühen 1970er-Jahren. Silvio Jermann, ausgebildeter Önologe und Enkel des Gründers, übernahm den Betrieb und brach mit dem, was Friaul damals zu bieten hatte: schwere, oxidative Weißweine für den Massenmarkt. Er fuhr nach Kanada, sammelte Erfahrungen, kehrte mit klaren Überzeugungen zurück — und traf auf den Widerstand seines Vaters, der das Weingut lieber als Nebenerwerb gesehen hätte. Silvio setzte sich durch. Heute gehört Jermann zu den bekanntesten Weinadressen Italiens, seit dem Einstieg der Familie Antinori als Mehrheitsgesellschafter ist das Weingut auch kapitalseitig für die Zukunft aufgestellt.
Zwei Güter, ein Grundsatz: Reinheit vor Effekt
Jermann bewirtschaftet heute 170 Hektar Weinberge an zwei Standorten: das Stammgut in Villanova di Farra im Isonzo-Gebiet sowie ein zweites Weingut in Ruttars im Collio, das am 07.07.07 eingeweiht wurde — Silvio Jermanns Faible für Zahlen ist legendär. Beide Lagen stehen für kraftvolle, dabei frische Weißweine; das ponca-reiche Flyschgestein des Collio und die tiefgründigeren Schwemmböden des Isonzo ergänzen sich im Sortiment.
Im Keller gilt ein ungeschriebenes Gesetz, das über dem Eingang des Weinguts buchstäblich steht: „Sauberkeit, Ordnung, Sauberkeit." Vergärung vorwiegend in Edelstahltanks bei kontrollierten Temperaturen, um Fruchtaromen und Frische zu erhalten; für die Prestige-Cuvées wie den Vintage Tunina und Dreams kommen französische Eichenholzfässer zum Einsatz, die Tiefe und Textur beisteuern, ohne Terroir zu überdecken. Lese von Hand mit strenger Selektion ist Standard. Nachhaltige Bewirtschaftung ohne chemische Pestizide oder Herbizide gehört zur Philosophie — lange bevor das ein Marketingargument wurde. 20 Hektar des Besitzes sind auf biologischen Weinbau umgestellt.
Vintage Tunina und die Kunst der Cuvée
Das Herzstück des Sortiments ist der Vintage Tunina: ein Feldverschnitt aus Sauvignon Blanc, Chardonnay, Ribolla Gialla, Malvasia Istriana und Picolit, erstmals aus dem Jahrgang 1975 veröffentlicht. Der Name geht auf eine Geliebte Casanovas zurück, die auf dem gleichnamigen Weinberg lebte. Silvio Jermann fermentierte damals einen interplantierten Altrebenberg so, wie er gewachsen war — ein Konzept, das in der modernisierten italienischen Weinwelt der 1970er-Jahre als abseitig galt. Die Kombination aus Spontanität, langer Hefelagerung und dem Mut zur Cuvée machte aus dem Wein eine Referenz für ganz Italien.
Das Sortiment reicht vom sortenreinen Pinot Bianco mit seiner klaren, mineralischen Linie über den Vinnae, eine auf Ribolla Gialla basierte Cuvée mit lebendiger Säure und aromatischer Präzision, bis hin zu Raritäten wie dem Pignacolusse aus der autochthonen Rebsorte Pignolo — ein Rotwein, der zeigt, dass Jermann das Friaul in seiner ganzen Rebsortenvielfalt versteht. Den Abschluss bildet Dreams, ein im Barrique ausgebauter Chardonnay, dessen Name auf einen U2-Song verweist, den Silvio Jermann während der Arbeit am Wein in Dauerschleife hörte. Alle Weine verbindet ein Stilmerkmal: Frische und Struktur als gleichwertige Partner, kein Holz um des Holzes willen, kein Extrakt um der Punkte willen.