Vom mittelalterlichen Herrensitz zum Fünften Cru Classé
Die Geschichte von Château Cantemerle reicht tiefer in die Vergangenheit als die der meisten Bordeaux-Güter. Erste urkundliche Erwähnungen der Herren von Cantemerle datieren auf das Jahr 1147 — damals hielten die Lords of Cantemerle Ländereien, die der Abtei La Sauve Majeure gehörten. Weinbau ist seit 1354 belegt, als der damalige Herr seinen Zehnten erstmals in Form von Clairet entrichtete, dem Vorläufer des englischen Clarets. 1579 erwarb Jean de Villeneuve, zweiter Parlamentspräsident von Bordeaux, das Gut und heiratete in die Familie Durfort ein. Die Villeneuve-Durforts machten Weinbau zur Haupttätigkeit des Anwesens und prägten es über Jahrhunderte.
Den entscheidenden Wendepunkt im 19. Jahrhundert brachte Baronin Caroline de Villeneuve. Nach dem Tod ihres Mannes 1834 übernahm sie das Gut mit Nachdruck: Sie modernisierte Château, Parkanlagen und Kellerwirtschaft und stritt — mit vierzig Jahren Geschäftsbüchern als Beleg — erfolgreich darum, Cantemerle in die Klassifikation von 1855 aufzunehmen, die das Gut zunächst versehentlich übergangen hatte. Am 16. September 1855 wurde Cantemerle nachträglich als Cinquième Cru Classé eingetragen — als einziges Gut, das die berühmte Liste je veränderte, bis Mouton Rothschild ein Jahrhundert später folgte. Nach schweren Krisen durch Reblaus und Mehltau in den 1880er-Jahren und einem Besitzerwechsel zu den Familien Dubos und später Binaud-Clauzel erwarb 1981 die Versicherungsgruppe SMA das geschwächte Gut und leitete seine vollständige Erneuerung ein: Weinberg neu bepflanzt, Keller modernisiert, Ruf wiederhergestellt.
Terroir-Treue und Kellerpräzision als Leitprinzip
Der Weinberg von Château Cantemerle erstreckt sich über rund 91 Hektar in den Gemeinden Macau und Ludon-Médoc, aufgeteilt in 56 einzelne Parzellen. Der Boden ist klassischer Médoc-Kies: von der Garonne aus den Pyrenäen angespülte Quarzschotter, arm an Nährstoffen, dafür reich an Wärmespeicherkapazität. Genau diese Kargheit zwingt die Reben zur Tiefenwurzelung und bringt konzentrierte Trauben hervor. Cabernet Sauvignon dominiert mit rund 71 % der Bepflanzung und findet auf dem kiesigen Untergrund ideale Bedingungen; ergänzt wird es durch Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot.
In den vergangenen Jahren hat Cantemerle seine Kellertechnik grundlegend erneuert: Ein neuer Cuvier mit 114 Edelstahltanks zwischen 30 und 170 Hektolitern ermöglicht die parzellengenaue Vinifikation jedes einzelnen Weinbergsabschnitts. Die gesamte Anlage ist als Schwerkraftkeller konzipiert — Pumpen werden so weit wie möglich vermieden, um die Trauben schonend zu behandeln. Die Vergärung läuft bei moderaten Temperaturen mit sanftem Umpumpen: Ziel ist Infusion statt Extraktion, Frische statt Kraft. Anschließend reift der Grand Vin zwölf Monate in französischen Eichenholzfässern, davon 35 % neu, bevor er weitere vier Monate in Tanks zur Ruhe kommt.
Eleganz als Stilprinzip — der typische Cantemerle-Charakter
Was Cantemerle von schwereren Médoc-Weinen unterscheidet, ist die konsequente Ausrichtung auf Finesse statt auf Volumen. In der Nase zeigen die Weine dunkle Beerenfrucht — Cassis, Brombeere — zusammen mit einem Hauch Zedernholz, Veilchen und dezenter Würze. Am Gaumen prägen feine, gut eingebundene Tannine und eine lebendige Säurestruktur den Auftritt; der Abgang bleibt lang, ohne je schwer zu wirken. Diese Handschrift zieht sich durch den Grand Vin wie durch den Zweitwein Les Allées de Cantemerle. Zu Tisch passt Cantemerle zu geschmortem Lamm, Entenbrust, Pilzgerichten oder reifem Hartkäse — Weine, die Substanz brauchen, aber keine Wucht.