Von Venezuela nach Trinidad: 200 Jahre Siegert-Erbe
Die Geschichte des House of Angostura beginnt 1824 in der venezolanischen Stadt Angostura — dem heutigen Ciudad Bolívar. Johann Gottlieb Benjamin Siegert, ein deutscher Arzt und Chirurg, der als Surgeon General in Simón Bolívars Unabhängigkeitsheer diente, entwickelte dort nach vier Jahren des Experimentierens mit lokalen Kräutern, Wurzeln und Gewürzen ein hochkonzentriertes Kräuterextrakt, das er zunächst „Amargo Aromatico" nannte. Der Name Angostura stammt von der Stadt, nicht — wie oft vermutet — von der Angostura-Rinde, die im Rezept gar nicht vorkommt. Nach Siegerts Tod 1870 übernahmen seine Söhne Carlos, Alfredo und Luis das Unternehmen und verlegten die Produktion 1875 aufgrund politischer Unruhen in Venezuela nach Port of Spain, Trinidad, wo sie bis heute unter dem Namen J.G.B. Siegert & Hijos weitergeführt wurde. Seither ist Trinidad die Heimat der Marke — und Angostura wurde zur Trinidader Institution.
Bereits 1873 erhielt das Aromatic Bitters die Medal of Excellence in Wien, ein Jahr später entstand der Manhattan als klassischer Bitters-Cocktail, und um 1900 war Angostura fester Bestandteil der Cocktailkultur in den USA, Großbritannien und Europa. Heute wird das Produkt in über 170 Länder exportiert.
Geheimrezept, Fünf-Säulen-Destillat und die Kunst des Blendens
Das Herzstück des Unternehmens ist das streng gehütete Originalrezept von 1824 — es ist weltweit nur fünf Personen bekannt. Die Geheimhaltung geht so weit, dass diese fünf Personen nicht gemeinsam reisen oder im selben Hotel übernachten dürfen, und mit der Regierung von Trinidad und Tobago wurde vereinbart, dass eingehende Zutaten zollfrei und ungeprüft eingeführt werden können. Sensorisch zeigt das Aromatic Bitters ein ausgeprägtes Profil aus Backgewürzen, Zitrusölen und bitteren Kräuternoten — der Alkoholgehalt liegt bei knapp 45 % vol.
Die Rum-Seite des Hauses hat eigene Wurzeln: 1947 baute Angostura eine eigene Destillerie in Port of Spain, nachdem die Familie seit der Jahrhundertwende Rums zugekauft und abgefüllt hatte. Heute betreibt das Unternehmen die einzige Rum-Destillerie Trinidads. Destilliert wird auf einem Fünf-Säulen-Destillierapparat aus fermentierter Melasse; ein Teil des Destillats durchläuft dabei nur eine der fünf Säulen und ergibt ein charakterstärkeres, aromareiches Grundprodukt, das dann mit dem feiner destillierten Hauptanteil verschnitten wird. Master Blender Carol Homer-Caesar wählt die Einzelfässer für die Premium-Abfüllungen handverlesen aus.
Zwei Produkte, eine Philosophie: Präzision in Dash und Dekanter
Das Sortiment des House of Angostura teilt sich in zwei klar getrennte Welten. Die Bitters-Linie — darunter das klassische Aromatic Bitters, Orange Bitters und Cocoa Bitters — funktioniert als Würzmittel: Ein bis zwei Dashes genügen, um einem Old Fashioned, Manhattan oder Champagner-Cocktail Tiefe und Komplexität zu geben. Das übergroße, schief sitzende Etikett der kleinen weißen Flasche ist kein Druckfehler, der korrigiert wurde — er wurde zum Markenzeichen.
Die Rum-Linie reicht vom zugänglichen 5 Year Old bis zum handverlesenen 1787 15yo, einem Blend aus Rums mit mindestens 15 Jahren Reifezeit in ausgekohlten Ex-Bourbon-Fässern aus amerikanischer Eiche. Der Name 1787 erinnert an das Jahr, in dem auf der Lapeyrouse-Plantage die erste Zuckermühle Trinidads in Betrieb ging — der Startschuss für die Rum-Tradition der Insel. Im Glas zeigt der 1787 tropische Frucht, Passionsfrucht und Trockenaprikose in der Nase, am Gaumen folgen Vanille, Toffee und dunkle Schokolade, der Abgang bringt Eichentannin und schwarzen Pfeffer. Pur bei Zimmertemperatur, mit einem Stein Eis oder als langer Sip nach dem Essen.