Von den Medici zu den Antinori: sechs Jahrhunderte auf einem Hügel
Die Geschichte von Tenuta Tignanello reicht weit vor die Familie zurück, die ihr heutiges Gesicht gab. Bereits 1346 gehörte das Anwesen den Buondelmonti, einer Adelsfamilie mit umfangreichem Landbesitz im Pesa-Tal. Im 17. Jahrhundert übernahm ein Nebenzweig der Medici den Besitz und taufte ihn Fonte dei Medici. Mitte des 19. Jahrhunderts erwarb die Familie Antinori das Gut — eine Familie, die seit 1385 Wein in der Toskana erzeugt, inzwischen in der 26. Generation. Das heutige Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert steht auf den Fundamenten dieser langen Abfolge von Besitzern; der umliegende Weinberg galt schon 1892 laut dem historischen Ortsführer Carocci als eine der schönsten Lagen im gesamten Gebiet von San Casciano Val di Pesa.
Den Wendepunkt brachten die 1970er-Jahre. Piero Antinori und sein Önologe Giacomo Tachis machten Tenuta Tignanello zum Versuchslabor der italienischen Weinmoderne: temperaturkontrollierte Gärung, vollständige malolaktische Umwandlung für Rotweine, und erstmals Reifung eines Sangiovese in kleinen französischen Barriques. 1971 erschien der erste Jahrgang des Weines, der fortan den Namen des Gutes tragen würde — Tignanello.
Terroir als Ausgangspunkt, Keller als Präzisionswerkzeug
Das Gut erstreckt sich über 319 Hektar im Herzen des Chianti Classico, zwischen den Tälern von Greve und Pesa. Rund 165 Hektar sind mit Reben bestockt, aufgeteilt in viele einzelne Parzellen. Im Mittelpunkt stehen zwei Lagen auf demselben Hügel: der Tignanello-Weinberg und der benachbarte Solaia-Weinberg, beide auf 350 bis 400 Metern Höhe. Die Böden stammen aus marinem Mergelstein des Pliozäns, reich an Kalkstein und Schiefer — lokal Alberese und Galestro genannt. Heiße Tage und kühle Nächte sorgen für langsame, gleichmäßige Reife der Trauben.
Tignanello und Solaia verfügen über jeweils eigene Vinifikations- und Reifekeller, die zwischen 2008 und 2009 vollständig erneuert wurden. Diese konsequente Trennung erlaubt es, jeden Wein in allen Details separat zu führen. Die Arbeit im Weinberg folgt dem Grundsatz niedriger Erträge und gezielter Klonenselektion bei Sangiovese — mit dem Ziel konzentrierter Frucht und weicher Tannine, nicht von Menge.
Sangiovese als Kern, Cabernet als Gesprächspartner
Zwei Weine definieren das Sortiment der Tenuta: Tignanello und Solaia. Tignanello — seit 1982 aus 85 % Sangiovese, 10 % Cabernet Sauvignon und 5 % Cabernet Franc — war der erste Sangiovese überhaupt, der in Barriques ausgebaut wurde, der erste moderne Rotwein dieser Zone ohne Weißweintrauben und einer der ersten mit nicht-traditionellen Rebsorten im Verschnitt. Er wird ausschließlich in guten Jahrgängen erzeugt. Der Cabernet bringt Struktur und balsamische Kühle; der Sangiovese liefert die charakteristische Säure, Kirschfrucht und das erdige Fundament des Chianti Classico.
Der Marchese Antinori Chianti Classico DOCG Riserva ergänzt das Sortiment als ausdrucksstarker Lagenwein, der seit dem Jahrgang 2011 ausschließlich aus Trauben der Tenuta Tignanello stammt und nahezu vollständig auf Sangiovese setzt. Im Glas zeigt er die klassische Aromatik der Zone: schwarze Kirsche, Veilchen, Gewürzakzente von Ingwer und Kakao, seidige Tannine, langer würziger Abgang. Serviertemperatur: 16–18 °C. Beide Weine passen zu Florentiner Bistecca, Wildschweinsauce über Pici oder gereiftem Pecorino Toscano.