Vom mittelalterlichen Kirchgut zum Nischen-Weingut im Herzen des Chianti
Der Name San Leonino geht auf die romanische Pfarrkirche San Leonino in Conio zurück, die dem Gut seit seinen Anfängen Namen und Logo — den charakteristischen Kirchturm — gegeben hat. Erste urkundliche Erwähnungen des Kirchenlands datieren auf 1043, die ältesten wirtschaftlichen Belege auf die Jahrzehnte zwischen 1275 und 1300. Das Gut lag damals im Grenzgebiet der rivalisierenden Stadtstaaten Florenz, Siena und Volterra, was ihm eine wechselvolle Geschichte bescherte: 1384 fiel es an den Florentinischen Staat und wurde Teil der Lega del Chianti. Aus dieser Zeit stammt die Idee des autarken Feudalhofs — eine Gemeinschaft, die sich aus eigenen Mitteln versorgte und deren Weinbau-Erbe bis heute spürbar ist. In den vergangenen Jahrzehnten durchlief San Leonino mehrere Eigentümerwechsel, bevor die Familie Angelini 1994 das Gut übernahm. Heute ist San Leonino Teil von Angelini Wines & Estates, einem Verbund von sechs Weingütern in Italien, und bleibt dabei bewusst ein kleines Nischen-Weingut mit begrenzter, handwerklich geführter Produktion.
Alberese-Böden, Südlage und das Prinzip der kleinen Menge
Das Gut liegt bei Castellina in Chianti, im historischen Kerngebiet der DOCG, auf rund 100 Hektar Gesamtfläche — davon 52 Hektar Weinberge und 6 Hektar Olivenhaine. Die Lagen sind nach Süden und Südosten ausgerichtet und befinden sich in drei Höhenstufen zwischen 270 und 430 Metern. Unten dominieren lehmig-sandige Böden, weiter oben übernehmen Galestro und der für den Chianti Classico typische Alberese — ein kalk- und skelettreicher Tonschiefer, der die Wurzeln zur Tiefe zwingt und den Weinen Struktur und Mineralität mitgibt. Das Mikroklima wird durch nahegelegene Seen und Bäche beeinflusst, was die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht moderiert und für aromatische Tiefe sorgt.
Im Keller verfolgt San Leonino einen auf die Rebsorte fokussierten Ansatz: Alle Weine sind sortenreine Sangiovese-Cuvées. Handwerkliche Sorgfalt und Kellerforschung stehen gleichwertig nebeneinander. Der Al Limite reift nach 18-tägiger temperaturkontrollierter Maischestandzeit für 18 Monate in 30-Hektoliter-Fässern aus slawonischer Eiche sowie in Zementwannen. Der Monsenese Riserva durchläuft dieselbe Maischephase, wird danach aber 24 Monate in 300-Liter-Barrique ausgebaut und anschließend in der Flasche nachgereift. Jährlich verlassen rund 250.000 Flaschen den Keller, davon 60.000 nach dem Governo-Verfahren.
Sangiovese pur — und eine alte Technik, die fast vergessen war
Das Sortiment von San Leonino umfasst vier Weine, alle aus reinem Sangiovese: den Chianti Classico Al Limite, die Riserva Monsenese, die Gran Selezione Salivolpe und den Governo all'Uso Toscano. Das Governo-Verfahren ist dabei die älteste und charakteristischste Methode des Hauses: Dem Jungwein wird ein Anteil getrockneter Sangiovese-Trauben zugegeben, der eine zweite Gärung in 90-Hektoliter-Fässern auslöst. Das Ergebnis ist ein Wein mit belebender Frische, weicherem Tannin und deutlicher Frucht — eine Technik, die in der Toskana weitgehend in Vergessenheit geraten ist und hier mit Überzeugung weitergeführt wird. Über alle Weine hinweg gilt das Leitmotiv des Hauses: Herkunft und Rebsorte sollen sprechen, nicht der Keller. Wer die Chianti-Klassiker Al Limite und Monsenese nebeneinander probiert, bekommt einen präzisen Einblick, wie Ausbau-Entscheidungen denselben Sangiovese in unterschiedliche stilistische Richtungen lenken können — von der straffen Mineralität des großen Holzes bis zur dunklen Fruchttiefe der Barrique.