Vom Blend-Zulieferer zum Speyside-Single-Malt: die Geschichte der Tamnavulin Distillery
Die Tamnavulin Distillery steht dort, wo im Livet-Glen bereits im 16. Jahrhundert eine Mühle stand. „Tamnavulin" ist Gälisch und bedeutet schlicht „Mühle auf dem Hügel" — das alte Mühlrad ziert bis heute das Flaschenetikett. Gegründet wurde die Destillerie 1966 von der Tamnavulin-Glenlivet Distillery Co., einer Tochtergesellschaft von Invergordon Distillers, um den wachsenden Bedarf der großen Blended-Häuser wie Whyte & Mackay, Crawfords und Mackinlay's zu decken. Tamnavulin war damit von Anfang an kein romantisches Familienprojekt, sondern ein bewusst industriell angelegter Betrieb — gebaut für Verlässlichkeit und Volumen im whiskybegeisterten Boom der 1960er-Jahre. 1993 übernahm Whyte & Mackay den Mutterkonzern Invergordon und damit auch Tamnavulin. Mitte der 1990er-Jahre, als der Markt für Blends einbrach, wurde die Destillerie stillgelegt — eine Pause, die bis 2007 andauern sollte. Nach umfassender Modernisierung nahm Tamnavulin dann wieder die Produktion auf, heute unter dem Dach der philippinischen Unternehmensgruppe Emperador Inc.
Quellwasser, Kupferkessel und ein Bioplant: wie Tamnavulin arbeitet
Das Wasser, das den Charakter dieses Whiskys mitformt, stammt aus unterirdischen Quellen in den nahen Hügeln des Cairngorm-Vorlandes — weich, klar, mineralarm. Die Destillerie arbeitet mit einem Mashbottich, neun Washbacks aus Edelstahl und drei Paaren kupferner Pot Stills, die in zwei Destillationsdurchgängen einen leichten, getreidenahen New Make erzeugen. Die Jahreskapazität liegt bei über vier Millionen Litern. 2018 wurde eine Bioanlage installiert, die die Produktionsabwässer aufbereitet — eine der moderneren Anlagen dieser Art in Speyside. Rund 20.000 Fässer lagern in einer Mischung aus traditionellen Dunnage- und modernen Regallagerhäusern; das kühle, feuchte Speyside-Klima sorgt für eine gleichmäßige, langsame Reifung.
Single Malt, doppelter Charakter: die Wine Cask Editions
Lange lieferte Tamnavulin seinen Malt anonym in Blends. Seit 2016 tritt die Destillerie unter eigenem Namen auf — und hat dabei einen klar umrissenen Stil gefunden. Der New Make reift zunächst in amerikanischen Ex-Bourbon-Fässern aus Weißeiche. Das ergibt die für Tamnavulin typische Basis: Heublumen, grüne Apfel- und Birnenfrucht, ein Hauch Getreide. Was das Sortiment dann unverwechselbar macht, ist der zweite Reifeschritt. Unter der Devise „Single malt, double flavour" werden die Whiskys in sorgfältig ausgewählten Weinfässern nachgereift — Sherry, Tawny Port, spanischer Grenache, aber auch französischer Cabernet Sauvignon und deutscher Pinot Noir. Letztere beiden finden sich auch im Vinoscout-Sortiment: Der French Cabernet Sauvignon Casks bringt dunkle Beerenfrucht und würzige Tiefe, der German Pinot Noir Casks arbeitet mit den eleganteren, kühleren Aromen des Burgunders. Nach dem Weinfass-Finish werden die Whiskys zur Harmonisierung erneut kurz in Bourbon-Fässern verheiratet. Das Ergebnis ist ein zugänglicher, aromatisch mehrschichtiger Speyside-Malt — Trinktemperatur: 15–18 °C, pur oder mit einem kleinen Eiswürfel.