Von St. Drostans Quelle zur Speyside-Ikone
Die Geschichte der heutigen Aberlour Distillery beginnt 1879 — auch wenn die Destillationsgeschichte am Ort selbst älter ist. James Fleming, Sohn eines Pächters und später erfolgreicher Geschäftsmann aus der Region, wählte einen Bauplatz am Zusammenfluss des Lour Burn mit dem River Spey in Charlestown of Aberlour. Entscheidend war dabei die Quelle: Flemings Anlage wurde direkt über St. Drostans Well errichtet, einer natürlichen Quelle, die noch heute das Brauwasser liefert. Das Motto, das Fleming seiner Brennerei mitgab — „Let the deed show" — prägt die Destillerie bis heute. Nach einem verheerenden Brand 1898 ließ er die Anlage durch Charles Doig, den führenden Destillerie-Architekten Schottlands seiner Zeit, weitgehend neu errichten. Im 20. Jahrhundert wechselte die Brennerei mehrfach die Eigentümer: über Robert Thorne and Sons bis zu Campbell Distillers, die 1945 die Übernahme vollzogen. Seit den 1970er Jahren gehört Aberlour zu Pernod Ricard und wird heute durch die Chivas Brothers Ltd. geführt.
Langsames Brennen, geduldige Fässer
Was Aberlour von vielen Nachbarn im Speyside unterscheidet, ist ein bewusst langsamer Produktionsprozess. Die Brennerei betreibt zwei Wash Stills und zwei Spirit Stills mit breiten Schultern und sich graduell verjüngenden Hälsen — eine Form, die einen gleichmäßigen, kontrollierten Siedevorgang begünstigt. Der Brennzyklus dauert rund 7,5 Stunden, der eigentliche Herzschnitt läuft dabei zwei volle Stunden. Diese verlängerte Kupferkontaktzeit treibt fruchtige, florale Ester in den New Make und legt die Grundlage für ein mittelschweres, fruchtgesättigtes Destillat, das für die anschließende Lagerung in unterschiedlichen Fässern gemacht ist. Das Brauwasser stammt aus dem Lour Burn, der von natürlichen Quellen im Hügelland um Ben Rinnes gespeist wird. Der Rohstoff ist ausschließlich ungetorftes schottisches Malz.
Das eigentliche Markenzeichen der Brennerei ist das sogenannte Double-Cask-Verfahren: Der Whisky reift zunächst in Ex-Bourbon-Fässern aus amerikanischer Eiche — das bringt Vanille und helle Frucht — und wird dann in sorgsam ausgewählte Oloroso-Sherryfässer aus spanischer Eiche umgefüllt. Jedes Fass wird individuell vom Master Blender ausgewählt, bevor der fertig gereifte Whisky aus beiden Holztypen in der gewünschten Proportion verheiratet wird. Zwischen 25 und 50 Prozent der Jahresproduktion reifen in Sherryfässern, der Rest in Bourbonfässern.
Ein Sortiment, das auf Sherrykraft setzt
Das Kernsortiment der Aberlour Distillery dreht sich konsequent um Single Malts mit klarer Fasscharakter-Aussage. Der Aberlour 10 Years Forest Reserve ist der zugängliche Einstieg: mit Ex-Sherry-Reifung, die Trockenfrüchte und Toffee-Töne in den Vordergrund stellt, dabei aber die typische Speyside-Frische nicht verliert. Der Aberlour Double Cask 12 Years zeigt, wie das Zusammenspiel von Bourbon- und Oloroso-Sherry-Holz funktioniert: Kirsche, Karamell und dunkle Schokolade im Auftakt, ein langer, leicht pfeffriger Abgang. Wer tiefer in die Aberlour-Welt eintauchen will, findet im Sortiment zudem ältere Abfüllungen sowie das Flaggschiff A'bunadh — eine Fass-Stärke-Abfüllung, die ausschließlich in Oloroso-Sherryfässern reift und Flemings ursprünglichen Stil neu interpretiert. Aberlour gehört heute zu den meistverkauften Single Malt Whiskies weltweit und ist in Frankreich die Nummer eins der Kategorie — ein Beleg dafür, dass handwerkliche Geduld und konsistente Stilistik langfristig überzeugen.