Seit 1638 in Bürgstadt — wie eine Familie den deutschen Pinot Noir neu definierte
Die Fürst-Familie baut in Bürgstadt am Main nachweislich seit 1638 Wein an — in einer Gegend, die damals kaum jemand auf der weinbaulichen Landkarte hatte. Das änderte sich grundlegend, als Paul Fürst und seine Frau Monika 1979 das Gutsgebäude mitten in den Weinbergen des Centgrafenbergs errichteten und den Betrieb konsequent auf Qualitätsweinbau ausrichteten. Was mit gerade einmal 1,5 Hektar Rebfläche begann, ist heute ein Weingut von rund 22 Hektar — und eines der renommiertesten Adressen für deutschen Spätburgunder überhaupt. Seit 2007 führen Paul Fürst und Sohn Sebastian den Betrieb gemeinsam; Sebastian und seine Frau Isabell tragen die Handschrift des Hauses heute in die nächste Generation weiter. Gault Millau kürte Paul Fürst 2003 zum Winzer des Jahres — eine Auszeichnung, die den damals bereits spürbaren Aufstieg Bürgstadts zur deutschen Rotweinhochburg offiziell besiegelte.
Buntsandstein, Steilhang und Ganztrauben — Weinbau ohne Kompromisse
Das Herzstück des Weinguts liegt in Churfrankens, dem westlichsten Zipfel der Weinregion Franken, eingebettet in den Talkessel zwischen Spessart und Odenwald. Das milde Mikroklima dieses Beckens schafft Bedingungen, unter denen Spätburgunder zu voller Reife gelangt — was hier lange als kaum möglich galt. Entscheidend ist der Boden: eisenreicher roter Buntsandstein, der Wärme speichert, die Wurzeln in die Tiefe zwingt und straffen, mineralischen Weinen den Rahmen gibt. Die drei zentralen Lagen — Centgrafenberg und Hundsrück in Bürgstadt sowie Schlossberg in Klingenberg — sind als VDP.Grosse Lagen klassifiziert; für den Chardonnay kommt der Muschelkalk-Boden des Karthäuser in Volkach hinzu.
Im Weinberg setzt Fürst auf Dichtpflanzung mit kleinbeerigen Spätburgunderklonen und hält die Erträge der drei roten Grossen Gewächse auf maximal 35 Hektoliter pro Hektar — vergleichbar mit den Premiers und Grands Crus im Burgund. Im Keller folgt der Betrieb einem klassisch burgundischen Weg: Vergärung in offenen Holzbottichen, oft mit hohem Ganztraubenanteil bis zu 100 Prozent, anschließend Reifung in 228-Liter-Burgunderfässern über rund 18 Monate. Spontane Hefen, kein Schnickschnack — der Wein soll die Lage zeigen, nicht den Keller.
Centgrafenberg, Hundsrück, Schlossberg — drei Lagen, drei Charaktere
Rund 60 Prozent der Rebfläche entfällt auf Spätburgunder und den seltenen Frühburgunder, 15 Prozent auf Riesling, der Rest auf Weissburgunder, Chardonnay und Silvaner. Der Centgrafenberg mit bis zu 40 Prozent Hangneigung gilt als die elegante, lagefähige Mitte des Sortiments — Spätburgunder und Riesling wachsen hier auf demselben roten Fels. Der Hundsrück liefert kraftvollere, würzigere Spätburgunder mit mehr Druck am Gaumen. Der steile Terrassenhang des Schlossberg in Klingenberg, dessen Trockenmauern unter Denkmalschutz stehen, ist ausschließlich Spätburgunder vorbehalten und bringt Weine von großer Mineralität. Dazu kommt der Frühburgunder, eine alte Bürgstadter Rebsorte mit lediglich 22 Hektoliter Hektarertrag: dunkelbeerig, würziger als Pinot Noir, mit Noten von dunkler Schokolade und Rauch. Wer die Rieslinge im Sortiment unterschätzt, verpasst etwas — sie wachsen auf demselben Buntsandstein und bringen eine kühle, salzige Mineralik mit, die für Franken ungewöhnlich ist.