Vom Heurigen-Keller zur dritten Generation: Ingrid Groiss in Breitenwaida
Die Geschichte des Weinguts Groiss beginnt nicht mit einer Gründungsurkunde, sondern mit einem Weingarten: Es war Ingrids Großmutter, die ihr den liebevoll gepflegten Weingarten anvertraute – und damit den ersten Impuls für eine Winzerinnenlaufbahn gab. Seit Generationen baut die Familie Groiss im Dorf Breitenwaida nahe Hollabrunn Reben an, im nordöstlichen Weinviertel, nah an der tschechischen Grenze. Das Weingut wurde ursprünglich für den eigenen Heurigen bewirtschaftet. Ingrid Groiss selbst schlug zunächst einen anderen Weg ein: Sie arbeitete in der Industrie – unter anderem bei einem internationalen Großkonzern – bevor sie 2010 die Leitung des elterlichen Betriebs übernahm. Zuvor hatte sie Önologie und Weinwirtschaft studiert und Erfahrungen bei renommierten österreichischen Weingütern gesammelt, darunter Domäne Wachau und Birgit Eichinger. Heute führt sie das Weingut in der dritten Generation – ein echter Familienbetrieb, in dem ihr Vater die Traktorarbeit übernimmt und ihre Mutter in den Weinbergen mithilft.
Biodynamisches Denken, minimaler Eingriff: Arbeit im Weinberg und Keller
Der Bruch mit dem Industrieleben hat Ingrids Haltung zur Natur grundlegend geprägt. 2016 stellte sie alle 20 Hektar auf biologischen Anbau um – für sie kein Marketingschritt, sondern die konsequente Weiterentwicklung ihres Weinstils. Sie betrachtet ihre Weinberge als vollständige Ökosysteme: Zwischen den Reben wachsen Gräser und Wildblumen, Insektenleben ist bewusst erwünscht. Der Feldhase, ihr Markenzeichen auf den Etiketten, steht sinnbildlich für diesen sorgsamen Umgang mit dem Lebensraum Weinberg.
Im Keller lautet die Devise nicht „Wein machen", sondern „bewahren" – so formuliert es Ingrid selbst auf ihrer Website. Schonende Verarbeitung und minimale Eingriffe sollen das gesamte Aromenspektrum der Traube, die Sortentypizität und den Herkunftsausdruck in die Flasche transportieren. Handlese, Geduld und späte Vermarktung – Ingrid bringt ihre Weine erst dann auf den Markt, wenn sie abgefüllt und kellerfertig sind – sind weitere Eckpfeiler ihrer Arbeit. Die Weinberge rund um Breitenwaida und Fahndorf zeigen dabei sehr unterschiedliche Bodencharaktere: Löss, Kies, Sand und mineralisches Urgestein wechseln sich ab und prägen die einzelnen Lagen spürbar.
Grüner Veltliner, Riesling und die Kraft der Einzellagen
Das Sortiment von Ingrid Groiss dreht sich klar um die klassischen Rebsorten des Weinviertels: Grüner Veltliner und Riesling stehen im Mittelpunkt, ergänzt durch einen Rosé. Vier Einzellagenweine – darunter der Grüner Veltliner Braitenpuechtorff, der Sauberg Tradition Reserve und der Riesling Auf der Henne – stammen aus Weinbergen mit bis zu 50-jährigen Reben. Die Lage In der Schablau bei Fahndorf, wo Löss mit Kies und Sand wechselt, liefert Grüne Veltliner mit deutlicher Mineralik. Beim Riesling zeigt sich die besondere Tiefe der Urgesteinsböden. Der Stil ist klar herkunftsorientiert: frische Säurestruktur, Sortentypizität ohne Überformung durch Holz, langer Abgang. International haben die Weine – vor allem der Gemischter Satz – bei Sommeliers und Fachkritik Aufmerksamkeit geweckt. Auch in Österreich ist Ingrid Groiss längst unter den Topproduzenntinnen des Weinviertels etabliert: Der Gault&Millau zählte sie zu den nicht mehr wegzudenkenden Namen der Region.