Vom mittelalterlichen Burgberg zu einem der ältesten Weindomänen des Médoc
Die Geschichte des Château Castera reicht weit in die Zeit vor dem klassischen Bordeaux zurück. Ein Manuskript aus dem Jahr 1121, das im Tower of London aufbewahrt wird, erwähnt die Festung Castera – zu einem Zeitpunkt, als die meisten Güter des Médoc noch nicht existierten. Die mittelalterliche Anlage in Saint-Germain-d'Esteuil, nördlich von Saint-Estèphe, wechselte im Laufe der Jahrhunderte die Besitzer: Étienne de La Boétie, Thomas de Montaigne und sein Bruder, der Philosoph Michel de Montaigne, zählen zu den überlieferten Eigentümern. Als Anthoinette de Montaigne, Dame d'Arsac et du Castera, am 21. Januar 1616 einen Weinverkauf über 380 Livres Tournois notariell beurkunden ließ, entstand einer der ältesten schriftlich belegten Weinverkaufsakte des gesamten Médoc – das Original liegt heute in der quadratischen Tour des Château.
1986 erwarben die deutschen Investoren Dieter Tondera und Carl E. Press das damals vernachlässigte Gut und starteten eine umfassende Restaurierung. Seit 2010 führt Thomas C. Press, Sohn des Mitgründers, das Château als alleiniger Eigentümer. Unter seiner Leitung wurde die mittelalterliche Tour zu einem Archivraum ausgebaut, der die privaten Dokumente der Domäne öffentlich zugänglich macht.
Zwei Böden, ein Bekenntnis zu verantwortungsvollem Weinbau
Das Weingut umfasst 63 Hektar Rebfläche, verteilt auf die Gemeinden Saint-Germain-d'Esteuil und Ordonnac, eingebettet in ein rund 120 Hektar großes Gesamtareal mit Wald und naturbelassenen Flächen. Der Weinberg liegt auf zwei klar unterschiedlichen Bodentypen: Argilo-calcaire – tonhaltiger Kalkstein – liefert Struktur und Körper, während die pyrénäischen Kiesböden (graves pyrénéennes) Finesse und Eleganz fördern. Der durchschnittliche Rebstock ist 27 Jahre alt; die älteste Parzelle wurde 1930 gepflanzt. Geschnitten wird in der klassischen Doppel-Guyot-Erziehung zwischen November und März.
Die Weinbergsarbeit folgt den Grundsätzen der agriculture raisonnée – Anbau mit dem Ziel, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu minimieren und die Biodiversität des weitläufigen Domänengeländes zu erhalten. Im Keller arbeitet Kellermeister Philippe Grynfeltt mit kontrollierten Temperaturen und sortengerechten Vinifikationsverfahren: Für die Rotweine erfolgt die Extraktion schonend über Umpumpvorgänge, der Blanc de Blanc wird vier Monate sur lie im Fass ausgebaut und regelmäßig auf der Hefe gerührt.
Klassischer Médoc trifft historischen Weißwein – das Sortiment von Castera
Im Februar 2025 wurde Château Castera in den Rang Cru Bourgeois Exceptionnel erhoben – die höchste Stufe der Médoc-Klassifikation für Crus Bourgeois. Herzstück des Sortiments ist der klassische Médoc-Rotwein: bordelaiser Rebsorten auf Kies und Ton, mit der Struktur und dem Potenzial, das man von dieser Appellation erwartet.
Daneben steht die Cuvée Anthoinette, ein 100-prozentiger Sauvignon Blanc – eine bewusste Reminiszenz an die Tradition der Médoc-Weißweine und namentlich ein Hommage an Anthoinette de Montaigne, jene erste weibliche Gutsherrin, die 1616 den historischen Weinverkaufsakt unterzeichnete. Vier Monate Fassausbau mit Bâtonnage verleihen dem Wein Fülle, ohne seine Frische zu bremsen. Ergänzt wird das Angebot durch die jüngere Linie Cap Castera, die von der nächsten Generation des Hauses geprägt wird und unter anderem einen Blanc de Noir aus Cabernet Sauvignon und Merlot sowie einen sortenreinen Petit Verdot umfasst – Weine, die zeigen, wie viel Spielraum das Terroir von Castera noch hat.