Vom Eichenwald an die Adriaküste: die Wurzeln der Familie Paladin
Der Name ist Programm: Bosco del Merlo — Wald der Amseln — geht auf einen alten Flurnamen zurück, der in historischen Karten der Gegend verzeichnet ist und an die Eichenwälder erinnert, die diesen Landstrich einst bedeckten. 1977 gründete Valentino Paladin das Weingut in Annone Veneto mit dem Ziel, Weine zu schaffen, die das Potenzial und die Identität des Terroirs zwischen östlichem Veneto und westlichem Friaul sichtbar machen. Aus diesem Gründungsgedanken heraus bauten seine Kinder Carlo, Lucia und Roberto Paladin das Gut konsequent weiter aus. In den 1990er Jahren kamen rund 50 Hektar Rebfläche in der kleinen Gemeinde Lison di Portogruaro hinzu — damit wuchs das Weingut auf insgesamt etwa 100 Hektar im DOC-Gebiet Lison-Pramaggiore. Heute führt die dritte Generation, Francesca und ihre Cousine Martina, das Weingut weiter und trägt die Idee des Gründers in die Gegenwart.
Vernünftiger Weinbau: das 4V-Prinzip als gelebte Haltung
Was Bosco del Merlo von Anfang an von vielen Betrieben der Region unterschied, war der konsequent wissenschaftliche Blick auf den Weinberg. Bereits kurz nach der Gründung arbeitete das Gut mit dem Istituto Sperimentale per la Viticoltura di Conegliano zusammen, um per Zonierungsanalyse parzellenscharf zu verstehen, welche Rebsorte auf welchem Boden am besten gedeiht. Über Jahrzehnte begleiteten renommierte Önologen wie Franco Bernabei sowie Experten der Agrar- und Önologiefakultäten der Universitäten Padua und Mailand die Kellerstrategie.
Das Ergebnis dieser langen Auseinandersetzung ist das hauseigene Konzept der Reasoned Viticulture — Vernünftiger Weinbau —, zusammengefasst in vier Grundsätzen: Rebe (Vite), Grün (Verde), Wein (Vino), Leben (Vita). Der Weinberg gilt dabei als Ökosystem, das Biodiversität bewahren und qualitative Erträge sichern soll. Konkret bedeutet das: kein Einsatz chemischer Mittel, Schwefelgehalt deutlich unterhalb gesetzlicher Grenzwerte, und eine auf Langfristigkeit ausgerichtete Bodenbearbeitung. Bosco del Merlo ist mit dem Equalitas-Zertifikat ausgezeichnet.
Zwei Böden, ein Stil: das Sortiment zwischen Veneto und Friaul
Die geografische Doppelnatur des Weinguts prägt den Charakter seiner Weine unmittelbar. Auf der venezianischen Seite dominiert der sogenannte Caranto — ein tonig-kalkhaltiger Boden fluvio-glazialen Ursprungs mit charakteristischer Schichtung —, der den Rotweinen Struktur und Tiefe gibt. Auf der friulanischen Seite hingegen liegt skelettreicher Kies- und Schotterboden am Fuß der Karnischen Alpen, der die Weißweine mit Mineralität und aromatischer Präzision auflädt. Das Klima zwischen Adriaküste und Voralpen bringt maritime Thermik und kühle Bergwinde in Einklang — eine Konstellation, die lange Reifezeiten am Stock ermöglicht und die Säurestruktur der Weine sichert.
Das Sortiment spiegelt diese Terroir-Vielfalt: Vom Sauvignon Blanc Turranio DOC Friuli mit seiner kräuterigen Frische über den Pinot Grigio in der klassischen wie rosafarbenen Variante bis hin zu körperreichen Rotweinen aus Merlot und Cabernet Sauvignon — darunter der im Holzfass gereifte Merlot Riserva Campo Camino DOC Venezia. Im Keller arbeiten temperaturgesteuerte Edelstahltanks und traditionelle Eichenholzfässer sowie Barriques nebeneinander, je nach Rebsorte und angestrebtem Weinstil. Was alle Etiketten verbindet, ist die Lesart des Hauses: Sortentypizität vor Eingängigkeit, Terroir vor Masche.