Vom Bordeaux-Flüchtling zum Pionier der Rioja-Exportgeschichte
Als die Reblaus Bordeaux in den 1880er Jahren verwüstete, suchte der französische Weinberater Charles Serres nach einem neuen Terroir — und fand es in Haro. 1896 gründete er dort die Bodega, registriert als erstes Exporthaus der Stadt: eine Kategorie, die es in der Rioja bis dahin nicht gab. Was ihn nach Haro zog, war die Verbindung aus kalkhaltig-lehmigen Böden, atlantisch geprägtem Klima und dem Eisenbahnanschluss nach Bilbao, der internationale Märkte erreichbar machte. Innerhalb weniger Jahre lagen seine Weine in Frankreich, England, Kuba und den USA — zu einer Zeit, als Rioja außerhalb Spaniens kaum ein Begriff war.
Serres blieb nicht beim eigenen Geschäft stehen: Er trieb 1907 die Gründung des Rioja Wine Exporters Syndicate voran, des direkten Vorläufers des heutigen DOCa-Kontrollrats. Diese strukturpolitische Initiative machte ihn zu einer der Schlüsselfiguren der regionalen Weingeschichte. Heute führt die Familie Vivanco das Haus weiter — mehrere Generationen, über 40 Jahre Präsenz in der Rioja — und hält den internationalen Anspruch des Gründers aufrecht.
Finca El Estanque: 60 Hektar als Rückgrat der Qualität
Das Herzstück der Produktion ist die Finca El Estanque, ein zusammenhängendes Weingut von 60 Hektar südöstlich von Haro, keine 800 Meter von der Kellerei entfernt. Die kalkhaltigen Tonböden mit hohem Kiesanteil fördern Mineralität und Frische; das Klima ist kontinental mit deutlichem Atlantikeinfluss — kühle Nächte, die Aromen schützen, und ausreichend Wärme für vollständige Reife. Anfang der 1980er Jahre wurde die Finca auf Spaliererziehung umgestellt, was die Blattfläche vergrößert, die Traubenbelüftung verbessert und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert. Teile der Produktion werden zudem nach EU-Öko-Standard (CPAER) zertifiziert angebaut.
Im Keller arbeitet Kellermeister Roberto de Carlos, der seit über 35 Jahrgängen für die Vinifikation verantwortlich ist. Betonbehälter sichern die Fruchtcharaktere der einzelnen Rebsorten durch natürliche Mikrooxygenation; die Reifung erfolgt anschließend in Fässern aus amerikanischer und französischer Eiche. Anbau wie Ausbau folgen dem Prinzip, Terroir-Ausdruck vor Stilisierung zu stellen.
Klassische Rioja-Architektur von Blanco bis Gran Reserva
Das Sortiment spannt den Bogen vom frischen Blanco und Rosado — beide aus Trauben von Vertragsbauern im Haro-Umland — über den Crianza, der 14 Monate in amerikanischer und französischer Eiche reift, bis zum Reserva und Gran Reserva, die aus der Finca El Estanque stammen und die volle Tiefe des Hauses zeigen. Letztere verbinden reife rote Frucht, Tabak- und Lederaromen mit einer von der Atlantiklage getragenen Frische im Abgang. Die limitierte Linie 1896 Finca El Estanque — früher als Onomástica bekannt — markiert die Spitze: Tempranillo, Graciano, Mazuelo und Maturana Tinta aus den alten Parzellen des Gutsweinguts. Wer Rioja in seiner klassischen, fassgeprägten Ausdrucksform sucht, findet bei Carlos Serres einen der verlässlichsten Referenzpunkte der Region.