Vom Maler zum Kultwinzer: Bibi Graetz in Fiesole
Bibi Graetz wuchs in einer Künstlerfamilie in Fiesole auf, dem Hügelstädtchen nordöstlich von Florenz — sein Vater Gidon Graetz war Bildhauer. Er studierte an der Accademia delle Belle Arti in Florenz, bevor ihn Mitte der 1990er-Jahre die Weinberge rund um das Familiengut Castello di Vincigliata in Bann zogen. Was als persönliches Interesse an den alten Rebstöcken begann, die zuvor nur Wein für den Eigenbedarf lieferten, mündete im Jahr 2000 in die Gründung seines Weinguts. Ohne formale Winzerausbildung brachte Bibi mit der ersten Ernte gleich zwei Weine heraus, die bis heute sein Aushängeschild sind: Testamatta und Colore. In den folgenden Jahren pachtete er weitere alte Rebanlagen in der Toskana hinzu und baute sich so — Parzelle für Parzelle — eine der größten Sammlungen alter Reben der gesamten Region auf.
Alte Reben und ein Kurs in Richtung Eleganz
Das Weingut arbeitet heute mit rund 30 Hektar Rebfläche, aufgeteilt auf viele kleine Parzellen, die sich von den Hügeln um Florenz bis ins Chianti Classico und weiter nach Siena erstrecken. Die Weinberge umfassen Lagen in Vincigliata, Montefili, Londa und Lamole. Im Kern stehen autochthone toskanische Sorten: Sangiovese, Colorino und Canaiolo für die Rotweine — Reben, die teilweise über 80 Jahre alt sind.
Bibi Graetz bezeichnet seinen Ansatz selbst als einen der Transparenz. Ein entscheidender Wendepunkt kam mit dem schwachen Jahrgang 2009, dessen leichtere, durchscheinende Frucht ihn nachhaltig in Richtung Eleganz und Frische lenkte. Seitdem unterscheidet er bewusst nach Exposition: Trauben von nord- und höhenlagenbetonten, kühleren Weinbergen fließen in den Testamatta, die konzentriertere Frucht von Südhängen in den Colore. Für seine Weißweine arbeitet er auf der Insel Giglio mit der dort beheimateten Ansonica-Rebe — von Terrassenlagen zwischen Meeresspiegel und 300 Metern Höhe, aus Rebstöcken, die bis zu 100 Jahre alt sind und im tiefem Gobelet-Schnitt gegen den Meereswind gezogen werden.
Testamatta, Colore und das Weiße vom Giglio
Die Weine von Bibi Graetz tragen alle das schlichte IGT Toscana-Label — eine bewusste Entscheidung, die ihm maximale Freiheit bei Rebsorten und Stilistik lässt, statt sich einem DOC-Regelwerk zu unterwerfen. Testamatta (übersetzt: „verrückter Kopf") ist ein reinsortiger Sangiovese, der mit kühler Säurestruktur, Kirsch- und Kräuteraromen antritt und durch seine Lebendigkeit besticht. Colore, ebenfalls auf Sangiovese-Basis, schöpft aus den reiferen Südhang-Parzellen und zeigt einen volleren, dichteren Körper. Die Weißen — Testamatta Bianco und das Brut-Rosé-Pendant im Sortiment — basieren auf Ansonica vom Giglio und bringen Meersalzigkeit, Textur und ein markantes mineralisches Profil mit. Alle Weine tragen auf dem Etikett Originalkunstwerke von Bibi selbst: jede Flasche auch visuell ein Unikat, das seine Herkunft aus der Bildenden Kunst nicht verleugnet.