Vom schwäbischen Grafenhaus zu den Grands Crus von Saint-Émilion
Die Wurzeln der Comtes von Neipperg reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück — in die Weinberge rund um Schwaigern im nördlichen Württemberg, dem angestammten Sitz der Familie im Heiligen Römischen Reich. Rebkultur war dort nie Nebensache, sondern Kerngeschäft über nahezu 800 Jahre. Den Sprung nach Bordeaux wagte Graf Josef Hubert von Neipperg 1971, als er Château Canon La Gaffelière und La Mondotte erwarb, kurz darauf folgten Clos de l'Oratoire und Château Peyreau. 1985 übernahm sein Sohn Stephan die Leitung der Güter — damals nach einem Agrarwirtschaftsstudium und einer Ausbildungszeit in Montpellier. Er zog mit seiner Frau Sigweis nach Saint-Émilion und hat die Domänen seither grundlegend geprägt. Heute bereitet sich mit Ludovic von Neipperg bereits die nächste Generation auf die Übernahme des Erbes vor.
Biologische Bewirtschaftung: konsequent, ohne Kompromisse
Stephan von Neipperg gehörte zu den ersten Bordeaux-Winzern, die den Betrieb vollständig auf biologische Bewirtschaftung umstellten — lange bevor das in der Region üblich wurde. Herbizide, Pestizide und Insektizide sind auf keinem der Güter im Einsatz. Die Böden werden regelmäßig flach gepflügt, um die Belüftung zu fördern, gedüngt wird ausschließlich mit eigenem Bio-Kompost in kleinstmöglichen Mengen. Das Ziel ist nicht Nährstoffzufuhr, sondern die Stärkung des Bodenlebens und die Eigenständigkeit des Ökosystems. 2014 erhielten Château Canon La Gaffelière und La Mondotte als erste Premiers Grands Crus Classés von Saint-Émilion die offizielle Bio-Zertifizierung, 2020 folgten Clos de l'Oratoire und Château Peyreau. Im Keller setzt das Team auf Schwerkraft statt Pumpen — ein Gravitationssystem minimiert mechanische Eingriffe an der Traube und bewahrt Frische und Reinheit des Leseguts. Die Vinifikation läuft in temperierten Holzbottichen über 28 bis 35 Tage, die Ernte wird ausschließlich von Hand in kleine Kisten gelesen und doppelt verlesen.
Rebsortenbalance als Markenzeichen: Cabernet als Rückgrat auf wärmeaktiven Böden
Château Canon La Gaffelière liegt am Hangfuß südlich des mittelalterlichen Dorfkerns von Saint-Émilion auf einem Mosaik aus Ton-Kalk- und Ton-Sand-Böden. Diese speichern Wärme besonders effizient — was erklärt, warum hier Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon außergewöhnlich gut reifen, obwohl die Appellation sonst Merlot-dominiert ist. Der Blend nähert sich einer 50:50-Aufteilung zwischen Merlot und Cabernet, was für Saint-Émilion ungewöhnlich ist und dem Wein seine charakteristische Struktur gibt: die Opulenz des Merlot trifft auf die Präzision und Aromenkomplexität des Cabernet. Der Ausbau erfolgt 15 bis 18 Monate in Barriques, zu einem großen Teil in neuer Eiche, auf feinen Hefen. Empfohlene Trinktemperatur: 16–18 °C. Das zweite im Vinoscout-Sortiment vertretene Gewächs, Générations von Neipperg, steht für einen zugänglicheren Einstieg in die Philosophie des Hauses — denselben handwerklichen Anspruch, denselben biologisch bewirtschafteten Ursprung.