Wie eine Familienidee Italiens Weinlandschaft neu zeichnete
Als Marchese Mario Incisa della Rocchetta 1930 Clarice della Gherardesca heiratete, brachte sie als Mitgift rund 2.500 Hektar toskanisches Küstenland mit — das heutige Gut Tenuta San Guido bei Bolgheri. Was Mario dort vorfand, erinnerte ihn an etwas, das er aus Bordeaux kannte: kiesig-lehmige Böden, die Wärme speichern, und ein Mikroklima, das von der Tyrrhenischen See geprägt wird. 1944 pflanzte er die ersten Cabernet-Sauvignon-Reben am Hang von Castiglioncello di Bolgheri — zu einer Zeit, in der Bolgheri keinerlei Tradition des kommerziellen Weinbaus hatte. Bis 1967 blieb der Wein Familiensache, reserviert für enge Freunde und Verwandte. Erst 1971 kam der Jahrgang 1968 in den Handel — und veränderte die italienische Weinwelt dauerhaft. Heute führt Marchese Nicolò Incisa della Rocchetta das Gut in der zweiten Generation; seit 2013 ist seine Tochter Priscilla Incisa an seiner Seite.
Kies, Meereswind und strenge Auslese im Weinberg
Das Gut erstreckt sich über rund 2.500 Hektar zwischen Meer und Hügeln — ein Biosystem, das 13 Kilometer tief ins Land reicht. Bestockt sind davon knapp 75 Hektar, verteilt auf mehrere Parzellen: Castiglioncello, Quercione und Aia Nuova. Die Böden aus Kies und Lehm ähneln dem Graves-Gebiet in Bordeaux; die maritime Brise regelt die Temperatur und sorgt für trockene Bedingungen bis in den Herbst. Im Weinberg gilt das Prinzip niedrigster Erträge — wenige Trauben pro Stock, um maximale Konzentration zu erzielen. Die Lese erfolgt von Hand. Im Keller werden die Trauben in temperaturkontrollierten Edelstahltanks vergoren, bevor der Wein mindestens 24 Monate in französischen Barriques reift. Die Verantwortung für die Vinifikation liegt bei Önologin Graziana Grassini, die den Stil des Hauses — Struktur ohne Schwere, Frucht ohne Üppigkeit — konsequent weiterführt. Tenuta San Guido ist Mitglied der Primum Familiae Vini, dem Zusammenschluss der einflussreichsten Familienweingüter weltweit.
Sassicaia, Guidalberto, Le Difese — ein Sortiment mit klarer Hierarchie
Der Sassicaia ist das Herzstück: eine Cuvée aus 85 % Cabernet Sauvignon und 15 % Cabernet Franc, ausgebaut in französischen Barriques über 24 Monate. Der Wein trägt die DOC Bolgheri Sassicaia — die einzige Appellation Italiens, die ausschließlich einem einzigen Wein eines einzigen Guts vorbehalten ist, geschaffen 1994. In der Nase zeigt er schwarze Johannisbeere, Zedernholz und Kräuter der Macchia; am Gaumen dichte, seidige Tannine und eine Säurestruktur, die Länge und Frische gleichermaßen trägt. Guidalberto, seit dem Jahrgang 2000, arbeitet mit einer breiteren Rebsortenbasis und steht für zugänglichere, dennoch charaktervolle Jahrgänge aus demselben Terroir. Le Difese bildet den Einstieg in die Linie — direkter, fruchtbetonter, mit Sangiovese in der Cuvée. Das Sortiment rundet ein Olivenöl extra vergine ab, gewonnen aus den alten Olivenhainen des Guts. Wer sich durch diese Reihe trinkt, bekommt ein vollständiges Bild davon, was Bolgheri kann — und warum dieses Gut den Ton angegeben hat.