Von der Händlerfamilie zur Maison: vier Generationen an der Loire
Die Jolivets kamen 1926 mit dem Wein in Berührung, als Louis und Lucien Jolivet als Kellermeister auf Château de Tracy arbeiteten und eine kleine Handelsgesellschaft gründeten, die Weine der Sancerre-Region auswählte und abfüllte. Pascal Jolivet, vierte Generation der Familie, vollzog 1987 den entscheidenden Schritt: Er gründete unter eigenem Namen eine Marke — zunächst ohne eigene Rebfläche, dafür mit klarer stilistischer Vision. Auf Drängen seines Vaters Jacques erwarb er 1993 sechs Hektar von Verwandten in Bué-en-Sancerre, auf Lagen wie Le Chêne Marchand und Le Grand Chemarin — der Grundstein des Domaine Pascal Jolivet. Zwei Jahre später folgten die ersten 6,5 Hektar Pouilly-Fumé in Tracy-sur-Loire. Das Weingut wuchs seither konsequent: Heute umfasst es 120 Hektar in den Appellationen Sancerre und Pouilly-Fumé sowie weitere 60 Hektar in der Touraine für die Einstiegslinie Attitude.
Biodynamie, indigene Hefen und der Mut zum Gegenentwurf
Bereits 1990, als Pascal Jolivet noch keine eigenen Reben besaß, investierte er in einen neuen Keller in Sancerre — ausgestattet mit temperaturgesteuerten Edelstahltanks nach dem Vorbild der großen Champagnerhäuser, die er gut kannte. Was damals im Sancerrois als radikal galt, ist heute sein Markenzeichen: Vinifikation ausschließlich mit indigenen Hefen, kein Einsatz von Enzymen oder Klärmitteln, langsame Gärung, konsequentes Hefelager für Konzentration und Komplexität — bei minimalem Schwefeleinsatz. 2001 ergänzte ein Gravitationskeller das Ensemble, der den Trauben von der Annahme bis zur Abfüllung schonende Wege ermöglicht.
2013 übernahm die italienische Önologin Valentina Buoso von Jean-Luc Soty, der das Haus 22 Jahre lang geprägt hatte. Buoso, mit Erfahrungen in Italien, Californien, Oregon, Chile, Australien und Neuseeland, teilt Pascals Überzeugung: Der Terroir soll sprechen, der Mensch im Keller möglichst wenig eingreifen. Seit 2016 arbeitet Pascal Jolivet mit der Familie Dauny zusammen, die seit 1966 zu den Pionieren des ökologischen Weinbaus in Sancerre zählt. Unter deren Leitung werden die Weinberge biodynamisch bewirtschaftet — ein System, das den Betrieb als lebendiges, vernetztes Ökosystem begreift.
Mineralisch, präzise, sortentreu: Sauvignon Blanc als Maßstab
Die Böden von Sancerre und Pouilly-Fumé — Kalkstein, Feuerstein (Silex) und Kalk-Lehm — prägen den unverwechselbaren Charakter der Weine. Sancerre Les Caillottes steht für die helle, direkte Kiesel-Mineralität des gleichnamigen Kalksteinbodens. Sancerre Sauvage kommt von einer Einzellage und zeigt, was langes Hefelager und spontane Gärung aus Sauvignon Blanc herausholen: dichtere Textur, mehr Tiefe, salzig-würziger Abgang. Die Pouilly-Fumé Terres Blanches dagegen wächst auf den charakteristischen weißen Kalkböden, die dem Wein seine zarte Rauchigkeit und schlanke Säurestruktur geben. Ergänzt wird das Bild durch Sancerre Rouge aus Pinot Noir sowie die Touraine-Linie Attitude, die Sauvignon Blanc in einem zugänglicheren, fruchtbetonten Stil interpretiert. Was alle Weine verbindet: kein Holzausbau, keine Manipulation, das Ergebnis einer Vinifikation, die seit Jahrzehnten auf das Wesentliche reduziert ist.