Fünf Generationen, zwei Güter, ein Terroir
Die Familie Gassier ist seit dem 19. Jahrhundert in der südlichen Rhône verwurzelt und bewirtschaftet das Gut in Caissargues nachweislich seit 1926. Michel Gassier, Winzer in vierter Generation, hat das Familienerbe nicht nur fortgeführt, sondern konsequent erweitert: Neben dem historischen Château de Nages — dem Stammsitz der Familie im Norden der Appellation — gründete er gemeinsam mit seiner Frau Tina das eigenständige Domaine Gassier, dessen Weinberge unmittelbar an die Sümpfe der Camargue grenzen. Ein zweites Gut im Süden der Appellation, mit kalkreichen Böden über Durance-Kieseln, vervollständigt das Mosaik. Heute arbeitet bereits Tochter Isabel als fünfte Generation im Betrieb — nach Stationen in Kalifornien bringt sie frische Impulse aus dem angloamerikanischen Weinbau mit zurück nach Caissargues.
Die Costières de Nîmes, die südlichste Appellation des Rhône-Tals, liegt zwischen Nîmes und der Camargue und teilt ihre Böden mit dem Rest des Rhône-Tals: Die charakteristischen Kiesel- und Rollsteinlagen wurden vom Fluss über Jahrtausende abgelagert. Michel Gassier versteht diesen Zusammenhang als Identitätsfrage — und als Versprechen.
Regenerative Landwirtschaft statt starrer Rezepte
Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit verlief bei den Gassiers schrittweise und bewusst. Der Umstieg auf ökologischen Weinbau war ein erster Schritt — aber nicht der letzte. Michel Gassier und Isabel entschieden sich gegen die Zertifizierung nach biodynamischen Standards, weil ihnen deren starre Vorgaben zu wenig Spielraum für individuelle Anpassungen ließen. Stattdessen wählten sie den Ansatz der regenerativen Landwirtschaft, den Isabel während ihrer Zeit in Kalifornien kennengelernt hatte. Das Ziel ist nicht, schädliche Einflüsse zu eliminieren, sondern ein funktionierendes Ökosystem aufzubauen: Nützlinge werden durch gezielte Bepflanzung gefördert, Böden durch Begrünung und Agroforst-Projekte belebt. So wurden auf dem Gut 230 Bäume aus rund 30 verschiedenen Arten gepflanzt, um Biodiversität, Bodenfeuchte und Klimaresilienz der Weinberge langfristig zu stärken.
Im Keller folgt man demselben Prinzip: so wenig wie möglich, zum richtigen Moment. Rote Weine vergären spontan mit Naturhefen, Weißweine werden mit einem Pied de Cuve angesetzt und im Gemisch aus Beton- und Edelstahltanks ausgebaut. Domaine Gassier und Château de Nages gehören zu den ersten Gütern weltweit, die nach dem Standard „Certified Regenerative by A Greener World" zertifiziert wurden.
Syrah, Viognier und die Frische der Camargue
Was in der Flasche landet, trägt das Terroir der Costières deutlich: die Kieselböden geben Struktur, die Meeresnähe und der Einfluss der Camargue sorgen für eine Frische, die man im südlichen Rhônetal nicht überall findet. Syrah spielt in den Rotweinen eine tragende Rolle — die Appellation Costières de Nîmes hat den höchsten Syrah-Anteil aller südlichen Rhône-Appellationen, und das mediterrane Klima mit seinen moderierenden Küstenwinden kommt dieser Rebsorte zugute. Grenache, Mourvèdre und Carignan ergänzen die Blends.
Bei den Weißweinen setzt Michel Gassier auf ein Drittel der Gesamtproduktion — ein klares Bekenntnis zu einer Stilistik, die im Süden selten so konsequent verfolgt wird. Viognier auf kalkreichen Böden, kurze Kältemaische, dann Ausbau teils im Stahltank, teils im Barrique — das Ergebnis ist eine Sorte mit Aprikosen- und Zitrusfrucht, die durch die mineralischen Böden Spannung und Salz bekommt. Die Weißweine des Guts können reifen wie ein guter nördlicher Rhône-Wein. Wer die Côtes du Rhône oder den Embruns de Viognier im Glas hat, bekommt ein ehrliches Bild dieser unterschätzten Ecke Südfrankreichs — lebendig, von Hand gemacht, ohne Effekthascherei.