Tief verwurzelt in der Maremma: die Antinori-Familie und Le Mortelle
Die Marchesi Antinori zählen zu den ältesten Weinbaufamilien Italiens überhaupt — seit 1385, als Giovanni di Piero Antinori der Florentiner Weinerzunft beitrat, ist das Handwerk in der Familie. Dass sie auch in der Maremma kein unbeschriebenes Blatt sind, belegt ein Eigentumsregister von 1863, das den Poggio Franco — heute einer der besten Einzellagen des Guts — als Antinori-Besitz ausweist. Die eigentliche Weingutsgeschichte von Le Mortelle beginnt jedoch 1999, als die Familie das damalige Obstgut bei Castiglione della Pescaia in der Provinz Grosseto erwarb und gezielt in Weinbau umwandelte. Die Maremma war zu diesem Zeitpunkt noch ein Außenseiter im italienischen Weingeschehen — die DOC Maremma Toscana wurde erst 2011 geschaffen — und genau darin lag für die Antinori der Reiz: eine Küstenlandschaft mit erheblichem, noch kaum gehobenen Potenzial.
Le Mortelle trägt seinen Namen vom Mortella, dem wilden Myrtenstrauch, der an der toskanischen Küste weitverbreitet ist und zum Symbol des Guts wurde. Das Anwesen erstreckt sich heute über 270 Hektar, rund 175 Hektar davon bepflanzt mit Weinreben.
Ein Keller im Hügel: Gravitations-Vinifikation und organischer Anbau
Der Neubau des Weinkellers war von Beginn an auf minimalen Eingriff in die Landschaft ausgerichtet. Die Anlage ist überwiegend unterirdisch in den Hügel gebaut und arbeitet konsequent nach dem Gravitationsprinzip: Trauben und Wein fließen ohne Pumpen von Ebene zu Ebene — von der Annahmehalle über den Vinifikationsraum bis zur Barriquelagerhalle im untersten Geschoss. Natürliche Materialien und die thermische Masse des Gesteins regulieren die Temperatur, was den Energiebedarf erheblich reduziert. Dazu kommt ein Wasserkreislauf, der auf Phyto-Remediation setzt: ein Filterverfahren mit Vulkangestein, Pflanzen, Bakterien und Algen.
Im Weinberg wirtschaftet Le Mortelle biologisch. Präziser Pflanzenschutz, Gründüngung und gezielte Begrünung der Fahrgassen sollen das Ökosystem erhalten und Eingriffe auf das Notwendige beschränken. Das sandige, lehmig-tonige Boden-Mosaik mit partiellen Felsanteilen sorgt für natürliche Stressregulierung der Reben und gute Drainage — ein Terroir, das sowohl kräftigen Bordo-Sorten als auch aromatischen Weißweinsorten Kontur gibt.
Zwischen Küstensalz und Barrique: das Sortiment von Le Mortelle
Die Rebfläche ist mit Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc bepflanzt, ergänzt durch eine kleine Carménère-Parzelle für die Rotweine sowie Vermentino, Ansonica und Viognier für die Weißweine. Das Flaggschiff Poggio alle Nane ist eine Cuvée aus Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Carménère, die die strukturelle Kraft der Bordeaux-Sorten mit dem mineralisch-salinen Charakter der Küstenmaremma verbindet und im Barrique reift. Der Botrosecco arbeitet mit denselben Rebsorten und zeigt nach zwölf Monaten Fassreife Noten von dunklen Beeren, Minze und Gewürzen bei robustem Körper. Als zugänglicherer Einstieg steht der Ampio für den fruchtbetonten, direkten Roten des Hauses. Auf der weißen Seite bringt die Vivia — eine Assemblage aus Vermentino, Ansonica und Viognier, nach kurzem Hefelager auf Stahltank — die Aromen der Küste ins Glas: Birne, Zitrusschale, Orangenblüte und eine salzige, würzige Abschlusslinie. Das Sortiment spannt damit einen deutlichen Bogen vom frischen Alltagswein bis zum lagerfähigen, terroir-fokussierten Rotwein.