Von Pauillac an den Fuß des Simonsberg: die Geschichte von May de Lencquesaing
Das Land, auf dem Glenelly Estate heute steht, hat eine lange Geschichte mit Frankreich. Simon van der Stel, Gouverneur der Kapregion, überließ das Grundstück im Ida's Valley 1682 dem französischen Hugenotten François Villon. Gut 320 Jahre später knüpfte eine weitere Französin daran an: May-Eliane de Lencquesaing, langjährige Eigentümerin des Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande, einem Grand Cru Classé aus Pauillac, kaufte das Anwesen 2003 — mit 78 Jahren. Drei Jahrzehnte hatte sie das Bordeaux-Gut geführt, es zu internationalem Ansehen gebracht und 1994 den Decanter Woman of the Year Award erhalten. 2007 verkaufte sie Pichon Lalande an Champagne Louis Roederer, um sich vollständig Glenelly widmen zu können.
Das war kein spontaner Entschluss: Nach jahrelanger Suche nach dem richtigen Terroir außerhalb Frankreichs fiel ihre Wahl auf die östlich ausgerichteten Hänge am Fuß des Simonsberg im Simonsberg-Stellenbosch-Ward. 2004 ließ sie die bestehenden Obstgärten durch Weinberge ersetzen — auf Basis eingehender Boden- und Klimastudien. Der erste Glenelly-Jahrgang folgte 2008. Heute führt ihr Enkel Nick Bureau das Weingut gemeinsam mit Kellermeister Dirk van Zyl in die nächste Generation.
Schwerkraft statt Pumpen: Arbeitsweise im Weinberg und im Keller
Das 123-Hektar-Gut liegt in einer natürlichen Amphitheater-Lage mit verschiedenen Hangausrichtungen und Höhenlagen zwischen 150 und 400 Metern. Die überwiegend östlich ausgerichteten Parzellen erhalten sanftes Morgenlicht — das verlangsamt die Reife und erhält die natürliche Säurestruktur der Trauben. Die Böden bestehen aus verwittertem, gelbem Granit (lokal Oakleaf genannt), der für kleinbeerige, konzentrierte Früchte sorgt. Rund 60 der gesamten Hektar sind bestockt, der Rest bleibt Olivenhainen, einheimischem Fynbos und Biodiversitätsflächen vorbehalten.
Im Keller setzt Glenelly auf minimale Eingriffe: Spontangärung mit Wildhefen, keine Säuerung, sorgfältige Handlese und -sortierung. Das 2009 fertiggestellte Weingut wurde als vierstöckiger Schwerkraftkeller konzipiert — Trauben und Most werden ausschließlich durch Gefälle bewegt, ohne mechanische Pumpen. Das Gebäude ist zur Hälfte in einen alten Steinbruch eingelassen, sodass es nur dem milden Morgenlicht ausgesetzt ist. Solaranlagen, Wasserrecycling und ein nahezu geschlossener Wasserkreislauf ergänzen das Konzept. Seit 2018 werden zudem einzelne Parzellen (darunter Chardonnay und Merlot) biologisch bewirtschaftet, und ein aktives Programm zur Rückgewinnung einheimischer Fynbos-Vegetation ersetzt invasive Baumarten im gesamten Betrieb.
Bordeaux-Erbe, südafrikanischer Ausdruck: das Sortiment
Das Sortiment gliedert sich in drei Linien. Das Flaggschiff Lady May ist ein Cabernet-Sauvignon-dominierter Bordeaux-Blend, ausgebaut in französischen Eichenfässern renommierter Cooperagen — mit langer Reifezeit im Keller. Die Estate Reserve-Linie umfasst einen gereiften Bordeaux-Blend sowie einen ausgebauten Chardonnay: Weine mit Struktur und Tiefe, die trotzdem zugänglich sind. Die dritte Linie, die Glass Collection, widmet sich May de Lencquesaings Leidenschaft für historisches Glas — unausgebaute, sortenreine Weine mit Fokus auf Fruchtausdruck und Frische. Angebaut werden hauptsächlich Cabernet Sauvignon, Syrah, Merlot und Chardonnay, ergänzt durch Petit Verdot. Die Hanglage und das Granitsteinboden-Terroir prägen einen Stil, der Bordeaux-Struktur mit der Sonnenwärme Stellenboschs verbindet: straffe Säure, dichte Tannine, und ein langer, präziser Abgang.