Pioniere einer vergessenen Region: die Familie Tipa und das Castello ColleMassari
Als Claudio Tipa und seine Schwester Maria Iris Bertarelli 1998 das Castello ColleMassari im toskanischen Örtchen Cinigiano erwarben, war die DOC Montecucco außerhalb der Region kaum ein Begriff. Das Gebiet liegt eingeklemmt zwischen dem Brunello di Montalcino im Nordosten und dem Morellino di Scansano im Süden — zu lange lebte es im Schatten seiner bekannteren Nachbarn. Tipa, gebürtiger Sizilianer und bis dahin im Industriebereich tätig, hatte die Weinleidenschaft nie hinter sich gelassen. Mit dem Erwerb des historischen Anwesens, einer Anlage, deren Ursprünge bis ins Mittelalter reichen und die einst als landwirtschaftlicher Gutshof zisterziensischer Prägung diente, machte er Ernst. Bereits mit dem ersten abgefüllten Jahrgang 2000 setzte ColleMassari ein klares Zeichen: Montecucco war unterschätzt worden.
Heute umfasst das Portfolio von Claudio Tipa mehrere toskanische Spitzenweingüter, darunter Grattamacco in Bolgheri und Poggio di Sotto in Montalcino. Das Herzstück bleibt Castello ColleMassari — ein 1.200 Hektar großes Anwesen, von dem rund 110 Hektar mit Reben bestockt sind.
Biologischer Weinbau und ein Keller, der nach den Gesetzen der Schwerkraft arbeitet
Von der ersten Stunde an wirtschaftete ColleMassari nach den Grundsätzen des zertifizierten Bioweinbaus — ohne Herbizide oder Pestizide in den Weinbergen, die auf steinig-lehmigen Böden in 320 Metern Höhe am Fuß des Monte Amiata stehen. Das Mikroklima hier ist außergewöhnlich: starke Tag-Nacht-Temperaturunterschiede sorgen dafür, dass die Trauben langsam reifen und Säure und Aromatik erhalten.
Den Keller hat Claudio Tipa nach eigenen Plänen realisiert — ein über 6.000 Quadratmeter großes Bauwerk auf vier Etagen, das vollständig auf Schwerkraft setzt. Trauben und Most werden ohne Pumpen von oben nach unten geführt, was die Ernte schonend verarbeitet und die Aromaintegrität bewahrt. Im Reifekeller dominiert großes Holz; moderne Barriques kommen allenfalls für Cabernet Sauvignon zum Einsatz. Kellermeister Luca Marrone leitet diesen Prozess mit dem Fokus auf Terroirausdruck statt technischem Eingriff.
Sangiovese als Maßstab: was die Weine aus Montecucco auszeichnet
Rund 80 Prozent der Rebfläche sind mit Sangiovese bestockt, ergänzt durch Ciliegiolo, Montepulciano und kleinere Anteile anderer Sorten. Bei den Weißen dominiert der Vermentino — er steht für die frische, salzige Seite des Weinguts, die seine Küstennähe — rund 30 Kilometer bis zum Tyrrhenischen Meer — spiegelt. Das Flaggschiff im Rotwein-Bereich ist der Poggio Lombrone, ein Montecucco Sangiovese Riserva DOCG aus einem einzelnen Cru mit über 60 Jahre alten Reben. Er zeigt, was Sangiovese an diesem Standort leisten kann: Tiefe und Struktur ohne die Schwere mancher Brunello-Lagen. Dass die Richtung stimmt, bestätigte 2014 der Gambero Rosso mit der Auszeichnung als „Weingut des Jahres" — kaum anderthalb Jahrzehnte nach dem ersten Jahrgang.