Vom ersten Jahrgang zur Ikone des Marlborough Sauvignon Blanc
Als David Hohnen 1983 zum ersten Mal einen Marlborough Sauvignon Blanc verkostete, stand Neuseeland als Weinland noch kaum auf der Karte. Hohnen, Gründer des australischen Weinguts Cape Mentelle in Margaret River, erkannte sofort das Potenzial der Region und überzeugte Kevin Judd, als Gründungswinzer an seiner Seite zu stehen. 1985 war Cloudy Bay damit eines der ersten fünf Weingüter, die überhaupt in Marlborough Wurzeln schlugen. Der erste Jahrgang wurde, bevor das eigene Kellergebäude in Jacksons Road stand, noch in Gisborne vinifiziert — 40 Tonnen Sauvignon-Blanc-Trauben per Lastwagen nordwärts transportiert. Das Ergebnis schlug international ein: Kritiker wie Oz Clarke zählten den Wein zum Besten seiner Art, und Marlborough war fortan als Referenzregion für Sauvignon Blanc gesetzt.
Der Name des Weinguts verweist auf den Küstenabschnitt, den James Cook 1770 auf seiner Neuseeland-Fahrt kartierte. Das trübe, sedimentbeladene Wasser, das Cook dort vorfand, gab der Bucht ihren englischen Namen — und dem Weingut sein bleibendes Identitätsmerkmal. 2014 erhielt die Bucht offiziell den zweisprachigen Namen Te Koko-o-Kupe / Cloudy Bay, womit auch das Māori-Erbe der Region gewürdigt wurde. Veuve Clicquot erwarb 1990 eine Mehrheitsbeteiligung und übernahm 2003 die verbleibenden Anteile von Hohnen; Cloudy Bay gehört seither vollständig zum LVMH-Portfolio.
Niedriger Ertrag, breites Terroir, Sustainable Winegrowing
Im Weinberg arbeitet Cloudy Bay mit rund 163 eigenen Parzellen und 65 Erzeugerblöcken, die sich über die wichtigsten Subregionen des Wairau Valley erstrecken — von den frei drainierenden Kiesböden nahe dem Wairau River bis zu den schwereren Tonböden der Southern Valleys. Die Erträge werden konsequent rund 30 % unter dem regionalen Durchschnitt gehalten, um Konzentration und Lageausdruck zu sichern. In Central Otago bewirtschaftet Cloudy Bay zwei organisch zertifizierte Einzellagen: das Northburn-Vineyard auf felsig-glazialen Böden am Ostufer des Lake Dunstan und das Calvert-Vineyard auf lehmigen Hängen in Bannockburn.
Cloudy Bay ist Gründungsmitglied von Sustainable Winegrowing New Zealand und erprobt auf ausgewählten Marlborough-Parzellen biologische Anbauverfahren, die schrittweise auf weitere Flächen ausgeweitet werden sollen. Das 2022 sanierte Founders' Cellar — das ursprüngliche Kellergebäude des Weinguts — erhielt als Kleinserien-Kellerei- und Besucherzentrum die seltene 5-Green-Star-Bewertung nach neuseeländischem Baustandard. Seit 2023 leitet Winemaker Kelly Stuart die Vinifikation, nachdem sie 2016 als Kellergehilfin begonnen und sich durch alle Stationen gearbeitet hatte.
Sauvignon Blanc als Fundament, Te Koko und Pinot Noir als Horizont
Der klassische Cloudy Bay Sauvignon Blanc steht für aromatische Präzision: kühle Zitrusfrucht, Stachelbeere, eine mineralische Linie und die charakteristische Frische, die dem Marlborough-Stil seinen Ruf gegeben hat. Daneben steht mit dem Te Koko ein grundlegend anderer Ansatz: spontan vergoren, im Fass ausgebaut, mit wilder Hefe — ein Sauvignon Blanc, der zeigt, was die Sorte jenseits des Edelstahltanks kann. Textur, Tiefe und oxidative Noten treten hier an die Stelle des direkten Aromabildes. Der Name verweist auf das Māori-Wort für die Cloudy Bay selbst: Te Koko o Kupe, die Austernmuschel des Kupe.
Der Marlborough Pinot Noir, seit 1994 im Programm, reift in französischen Eichenfässern und verbindet dunkle Kirschfrucht mit erdiger Würze und feiner Tanninstruktur. Mit dem Te Wāhi — einem Central-Otago-Pinot aus den zwei organisch bewirtschafteten Südlagen — kommt seit 2016 ein Wein hinzu, der die kühlere, rauere Seite Neuseelands in den Vordergrund stellt. Der Chardonnay aus Marlborough schließt das Kernportfolio ab. Wer die Linie verstehen will: Alle Weine, ob weißer Einstieg oder experimentelle Fassvergärung, sind konsequent auf Herkunftsausdruck ausgerichtet — kein Stil um des Stils willen, sondern Terroir, das man schmecken soll.