Vom Pilgerhaus zum Herzstück von Pomerol
Die Geschichte von Château Gazin reicht ins 12. Jahrhundert zurück: Auf dem heutigen Weingut errichteten die Ritter des Johanniterordens ein Hospital, das Pilgern auf dem Weg nach Santiago de Compostela Schutz bot. Dieser Ursprung ist kein museales Detail — er ist im Namen des Zweitweins L'Hospitalet de Gazin und im Wappen des Guts noch heute sichtbar. Nach der Französischen Revolution wechselte das Anwesen mehrfach den Besitzer, bis Louis Soualle, Urgroßvater der heutigen Eigentümer, Château Gazin 1918 erwarb. Seither wird das Gut von der Familie de Bailliencourt dit Courcol geführt — einer der ältesten Adelsfamilien aus dem nordfranzösischen Artois, deren Geschichte bis zur Schlacht von Bouvines im Jahr 1214 zurückreicht. Heute leiten Nicolas und Christophe de Bailliencourt das Anwesen, das mit rund 26 Hektar zu den flächenmäßig größten Gütern der Appellation zählt.
Ein Weinberg aus einem Stück — mit dem blauen Ton als Kern
Der Weinberg liegt als zusammenhängende Fläche auf der oberen Terrasse des Pomerol-Plateaus, im Nordosten der Appellation, direkt neben Château Pétrus. Der Boden besteht aus günzischen Kiesen an der Oberfläche, darunter blauer und grüner Ton mit Eisenoxiden — sogenannte Smektite, die dem Boden eine natürliche Wasserspeicherfähigkeit verleihen und damit gleichmäßige Versorgung der Reben auch in trockenen Jahren sichern. Die Höhenlage erreicht mit bis zu 40,5 Metern den höchsten Punkt in Pomerol. Das Rebsortenportfolio spiegelt die Appellation: 90 % Merlot, ergänzt durch 7 % Cabernet Sauvignon und 3 % Cabernet Franc, mit einem Rebenalter von durchschnittlich 35 Jahren — die ältesten Stöcke stammen aus dem Jahr 1942.
Im Weinberg setzt das Gut auf traditionelle Methoden: Bodenbearbeitung durch Pflügen statt Herbizide, Begrünung, ausschließliche Handlese sowie gezielte Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität. Das Weingut trägt die HVE-3-Zertifizierung (Haute Valeur Environnementale), dem höchsten Level des französischen Nachhaltigkeitssiegels. Die Gärung erfolgt in kleinen Betonkufen, gefolgt von malolaktischer Gärung im Fass. Anschließend reift der Wein rund 18 Monate in französischen Barriques, davon etwa 50 % neue Eiche.
Pomerol in seiner ernsthaftesten Form
Was Gazin im Glas zeigt, ist die klassische Handschrift des rechten Ufers: dunkle Pflaume, schwarze Kirsche und eine würzige Tiefe, die durch den Eisengehalt des Bodens mitgeprägt wird. Die Tannine sind reif und dicht, ohne hart zu wirken — die Textur samtig, der Abgang lang. Durch den hohen Merlot-Anteil und den Ausbau im Holz entwickeln die Weine mit der Zeit zusätzliche Komplexität: Zedernholz, Tabak und eine leicht mineralische Linie treten in den Vordergrund. Zu Wildschwein, geschmorter Lammkeule oder einem kräftigen Comté ist Gazin eine klassische Wahl — Trinktemperatur um 17–18 °C. Der Zweiwein L'Hospitalet de Gazin greift dieselbe Stilistik auf und bietet einen zugänglicheren Einstieg in die Welt dieses Hauses.