Von Cirò Marina in die Welt: Wie eine Küstenkellerei Kalabrien neu definierte
Die Geschichte von Librandi beginnt an der ionischen Küste Kalabriens, in Cirò Marina — einer kleinen Stadt in der Provinz Crotone, die seit der Antike Weinbau betreibt. Gegründet 1950 von Antonio und Nicodemo Librandi, startete der Betrieb als kleine Kellerei und wuchs über Jahrzehnte zu einem der prägendsten Namen des süditalienischen Weinbaus. Heute führt die dritte und vierte Generation das Weingut gemeinsam: Raffaele, Paolo, Francesco und Teresa Librandi verantworten Weinberg, Keller und Vermarktung. Weinkenner Hugh Johnson bezeichnete Librandi als „Spitzenerzeuger und Vorreiter bei der Nutzbarmachung kalabrischer Rebsorten" — eine Einschätzung, die das Selbstverständnis der Familie treffend beschreibt.
Den Grundstein für den internationalen Durchbruch legten Antonio und Nicodemo Librandi in den frühen 1980er Jahren, als sie bewusst in internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Sauvignon Blanc investierten — zu einem Zeitpunkt, als Kalabrien im Weinhandel kaum eine Rolle spielte. Ende der 1980er Jahre entstand der Gravello, eine Cuvée aus Gaglioppo und Cabernet Sauvignon, die sofort zum Aushängeschild des Weinguts wurde und Kalabrien erstmals auf der internationalen Bühne sichtbar machte. Seit 1988 gehört Librandi regelmäßig zu den Preisträgern im Gambero Rosso mit den begehrten Tre Bicchieri.
Terroir zwischen Ionischem Meer und Sila-Bergen — und ein Forschungsprojekt für vergessene Sorten
Das Weingut bewirtschaftet heute 232 Hektar Weinberge sowie rund 80 Hektar Olivenhaine, verteilt auf mehrere Güter rund um Cirò Marina. Die geografische Lage zwischen der ionischen Küste und den Sila-Bergen schafft ein natürliches Temperaturgleichgewicht: Tagsüber bringt das Meer Wärme und Licht, nachts sorgen die kühlen Fallwinde der Sila für Frische und aromatische Spannung. Die Böden sind kalkhaltig-lehmig, gut drainiert — ein Substrat, das den autochthonen Sorten Gaglioppo, Magliocco und Mantonico Struktur und Tiefe gibt.
Ein besonderes Kapitel ist das Weingut Rosaneti im Val di Neto, das Librandi in Zusammenarbeit mit der Universität Mailand zu einem Forschungsweingut ausgebaut hat. Dort werden seit den frühen 1990er Jahren vergessene kalabrische Rebsorten systematisch untersucht, selektioniert und wieder angepflanzt — eine Arbeit, die bis in die Magna-Graecia-Epoche zurückreichende Weinbaugeschichte der Region aufgreift. Das Weingut ist nach dem 3E-Equalitas-Standard zertifiziert (Environmental, Ethical, Economic) und arbeitet mit dem Önologen Donato Lanati zusammen, der seit 1998 als Berater tätig ist und an den Universitäten Turin und Florenz lehrt.
Gaglioppo, Greco Bianco und der Weg zum „Super Calabrian"
Das Sortiment von Librandi spannt einen weiten Bogen: vom klassischen Cirò Rosso DOC und Cirò Bianco DOC, die das tägliche Gesicht Kalabriens zeigen, bis zu strukturierten Riserva-Weinen wie dem Duca Sanfelice Cirò Rosso Classico Superiore Riserva und den IGT-Weinen aus dem Val di Neto. Der Cirò Rosso — Basis: Gaglioppo — ist kräftig, würzig und mit einer Eigenständigkeit ausgestattet, die ihn im blinden Vergleich kaum mit anderen Rotweinen verwechseln lässt. Der Greco Bianco bringt in den Weißweinen Frische und eine mineralische Linie, die zur Lage an der Küste passt.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Val-di-Neto-Weine: Der Gravello kombiniert Gaglioppo und Cabernet Sauvignon zu einem Wein, den die Familie selbst als Brücke zwischen zwei Welten beschreibt — lokale Tiefe und internationale Ausdrucksstärke. Der Magno Megonio wird sortenrein aus Magliocco vinifiziert, handgeerntet und in temperaturkontrollierten Tanks vergoren. Der Critone, eine Cuvée aus Chardonnay und Sauvignon Blanc, zeigt, wie überzeugend die Küstenlagen kalabrische Weißweine formen können. Alle Weine entstehen ausschließlich aus eigenem Traubengut — kein Zukauf, konsequente Herkunft.