Von der finnischen Sauna in die Welt: Wie fünf Freunde eine Destillerie gründeten
Am 10. Mai 2012 saßen fünf Freunde in einer finnischen Sauna und tranken einen amerikanischen Roggenwhisky, den einer von ihnen aus den USA mitgebracht hatte. Die Frage, die sie dabei umtrieb, war so simpel wie folgenreich: Warum stellt in Finnland niemand Whisky aus Roggen her? Miika Lipiäinen, Mikko Koskinen, Kalle Valkonen, Miko Heinilä und Jouni Ritola gründeten noch im selben Jahr die Kyrö Distillery Company — keiner von ihnen hatte zuvor Erfahrung in der Destillation. Sie bereisten Mikrodestillerien in ganz Europa, sammelten Wissen und probten erste Chargen auf einem geliehenen Brennapparat in den Räumen von Kalles Eltern.
Ein leerstehendes Molkereigebäude aus dem Jahr 1908 im westfinnischen Dorf Isokyrö gab der Destillerie schließlich ihr Zuhause — genau dort, wo einst der berühmte finnische Oltermanni-Käse produziert wurde. 2014 liefen die ersten eigenen Brennblasen an. Was folgte, war kein gradliniger Aufstieg, sondern eine Geschichte voller Wendungen: Der Napue Gin, ursprünglich nur als Überbrückung während der Whisky-Reifezeit gedacht, gewann 2015 bei der International Wine and Spirit Competition den Preis als bester Gin in der Kategorie Gin & Tonic — und war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft.
In Rye We Trust: Roggen als Philosophie, nicht als Zutat
Bei Kyrö ist Roggen keine Entscheidung, die man jedes Jahr neu trifft. „In Rye we trust" ist das Motto der Destillerie — und es ist wörtlich gemeint. Jeder Tropfen, der Isokyrö verlässt, basiert auf 100 % finnischem Vollkornroggen. Das Getreide wird seit über 2.000 Jahren in Finnland angebaut und gilt als die härteste Herausforderung in der Destillation: kleberig, eigenwillig, anspruchsvoll in der Verarbeitung. Kyrö wählt es trotzdem — oder gerade deswegen.
Das Wasser stammt aus Isokyrö selbst. Da Finnlands Gesteinsschichten geologisch sehr alt sind, wurden die harten Mineralien über Jahrtausende herausgespült: Das Wasser ist außergewöhnlich weich, was den Charakter der Destillate direkt beeinflusst. Für die Gins destilliert das Team wegen des kurzen finnischen Sommers einzelne Botanicals als Konzentrate ein, um das ganze Jahr produzieren zu können. Yeast-Stämme, Schnittführung und Fassauswahl werden laufend erprobt — Roggen bleibt der Fixpunkt, alles andere ist Experiment.
Whisky, Gin und finnische Botanicals: das Sortiment von Kyrö
Der Kyrö Malt Whisky wird in Pot Stills gebrannt und in amerikanischen Eichenfässern zwischen drei und fünf Jahren gereift. Die Basis ist stets 100 % finnischer Vollkornroggen. Darauf aufbauend entstanden Varianten mit eigenem Charakter: Der Kyrö Malt Oloroso reift in Oloroso-Sherryfässern aus und entwickelt dabei nussige, fruchtig-dunkle Noten. Der Kyrö Malt Wood Smoke trägt eine finnische Rauchkomponente — ein Stilistik, die an die langen, dunklen Winter Ostbottniens erinnert.
Im Gin-Bereich arbeitet Kyrö auf derselben Roggen-Basis. Der Kyrö Pink Gin bezieht seine Farbe aus natürlichen finnischen Zutaten wie Moltebeeren, Erdbeeren und Rhabarber — Früchte aus Wäldern und Gärten rund um Isokyrö. Das botanische Sortiment insgesamt spiegelt die finnische Landschaft wider: Preiselbeeren, Sanddorn, Fichtenzweige, Mädesüß und Birkenblätter tauchen in verschiedenen Expressionen auf. Kyrö kooperiert dabei auch mit anderen Destillerien — so entstand gemeinsam mit der Kyoto Distillery ein Gin, der finnische und japanische Botanicals verbindet. Das Ergebnis dieser gesamten Arbeit ist ein Sortiment, das sich konsequent einer Frage widmet: was Finnland schmeckt, wenn man es destilliert.