Zweites Weingut Bolghers, erstes seiner Art
Der Name Grattamacco geht auf ein etruskisches Mineral zurück, das auf diesen Hügeln einst abgekratzt wurde — macco grattato. Dass ausgerechnet hier, auf der letzten Hügelkuppe nördlich von Castagneto Carducci, eines der bedeutendsten Weingüter Italiens entstehen würde, ahnte 1977 kaum jemand. Piermario Meletti Cavallari, damals 34, tauschte eine Managementkarriere in Bergamo gegen unbewirtschaftetes Land in der toskanischen Küstenmaremma. Weder Strom noch fließendes Wasser — er rodete, pflanzte und kelterte. Damit wurde Grattamacco zum zweiten Weingut, das sich je in Bolgheri niederließ, nach der Tenuta San Guido mit ihrem Sassicaia.
Der erste Jahrgang erschien 1982, zunächst als einfacher Vino da Tavola. 1994 war Grattamacco das erste Gut überhaupt, das einen Bolgheri Rosso DOC abfüllte und damit half, die neu gegründete Appellation weltweit bekannt zu machen. Unter dem alten Eichenbaum des Hofes versammelten sich in jenem Jahr Piermario Meletti Cavallari, Michele Satta, Mario Incisa della Rocchetta sowie Piero und Lodovico Antinori — ein Foto, das die Geburtsstunde der Denomination festhält. 2002 übernahm Claudio Tipa, Gründer der ColleMassari-Gruppe, das Weingut von Meletti Cavallari. Die Tipa-Bertarelli-Familie führt es seither weiter, ohne den Charakter des Hauses zu brechen.
Organischer Weinbau auf kalkhaltigen Hügeln
Das Weingut umfasst heute 80 Hektar, von denen 34 mit Reben bepflanzt und 5 mit Olivenhainen bestockt sind. Der Rest ist dicht bewaldetes Hügelland. Die Weinberge liegen auf 100 bis 200 Meter Meereshöhe — für Bolgheri ungewöhnlich hoch — und verteilen sich auf verschiedene Lagen mit unterschiedlichen Böden: sandige Substrate in den tieferen Parzellen, Kalk und Mergel in den höheren Lagen rund um Casa Vecchia, die erst 1998 erschlossen wurde. Diese Höhenlage bringt thermische Schwankungen, kühlere Nächte und stete Meereswinde, die das Rebwerk trocken halten.
Bereits in den späten 1990er-Jahren stellte Grattamacco auf organischen Weinbau um — zu einer Zeit, als das in Bolgheri noch eine Ausnahme war. Heute ist die Bewirtschaftung ICEA-zertifiziert, Herbizide und Pestizide werden konsequent ausgeschlossen. Chefwinzer Luca Marrone beschreibt die Kellerphilosophie als „bare winemaking": spontane Vergärung ohne Temperatursteuerung, ohne Zuchthefen, ohne Zeitvorgaben. Die Trauben werden per Hand gelesen, die Rebsorten separat in kleinen konischen Eichenholzbottichen vergoren, anschließend rund 18 Monate in Barriques ausgebaut — teils neu, teils gebraucht.
Sangiovese in der Cuvée, Vermentino vorn weg
Was Grattamacco von vielen Nachbarn in Bolgheri unterscheidet, ist die Entscheidung, Sangiovese im Rotwein zu halten. Während die Region spätestens mit der DOC-Gründung 1994 auf Bordeaux-Cuvées aus Cabernet Sauvignon und Merlot setzte, bestand Grattamacco auf dem toskanischen Anteil. Seit 1995 trägt der Bolgheri Superiore eine stabile Mischung aus rund 65 % Cabernet Sauvignon, 20 % Merlot und 15 % Sangiovese — Spielraum je nach Jahrgang inklusive. Grattamacco war außerdem das erste Weingut in Bolgheri, das Vermentino pflanzte, auf den weißen Tonböden der Region, die für diese Sorte gemacht scheinen.
Das Ergebnis sind Rotweine mit dunkler Frucht, mediterranen Kräuternoten und einer salzigen Mineralik, die den Böden direkt ablesbar ist — mit Tanninen, die Struktur geben, ohne zu sperren. Der Vermentino Bolgheri DOC zeigt frische Zitrusfrucht, Aprikose und einen belebenden, leicht salzigen Abgang. Beide Stile spiegeln die Lage wider: Küstennähe und Höhe zugleich, Wind und Kalkstein, Sonne mit kühlem Abend. Weine, die Bolgheri erklären, bevor die Region berühmt war — und die es noch immer tun.