Von Bilbao nach Haro: 145 Jahre Familie Real de Asúa
Was 1879 als Reise aus gesundheitlichen Gründen begann, wurde zur Grundlage einer der bedeutendsten Weindynastien Spaniens. Eusebio und Raimundo Real de Asúa, zwei Brüder aus einer Bilbaoer Reederfamilie, ließen sich im Barrio de la Estación in Haro nieder – dem Eisenbahnviertel, in dem damals französische Weinmacher und Kaufleute zusammentrafen, weil die Reblaus ihre Heimatregionen verwüstet hatte. Gemeinsam mit dem Önologen Isidro Corcuera del Campo gründeten sie dort am 24. März 1879 die Compañía Vinícola del Norte de España, kurz CVNE. Das Kürzel wurde bald falsch abgeschrieben – das V als U gelesen – und so entstand aus einem Druckfehler der Markenname Cune, heute der meistverkaufte Rioja auf dem spanischen Markt.
Fünf Generationen später führen Víctor und María Urrutia Ybarra das Unternehmen. Víctor übernahm 2003 als CEO, María als Marketingdirektorin. Die Familie hat das Haus seither konsequent ausgebaut: mit dem Börsengang zur Absicherung der Nachfolgeregelungen, mit Investitionen in neue Weinberge und Keller und zuletzt mit dem Eintritt in La Place de Bordeaux mit dem Einzellagenwein Real de Asúa Carromaza – dem ersten spanischen Wein in diesem Vermarktungsrahmen.
Tradition im Eiffel-Keller, Gravitation in Cerro de la Mesa
Das Herzstück der Gruppe ist die historische Bodega in Haro. Ihr bekanntestes Bauwerk ist die sogenannte Nave Eiffel – ein stützenfreier Stahlfachwerk-Barriqueraum, entworfen vom Büro Gustave Eiffels, errichtet zwischen 1890 und 1909. Dort reifen die Weine der Linien CVNE, Cune und Imperial in amerikanischer und französischer Eiche. Das zweite Standbein ist Viña Real in der Rioja Alavesa: Die 2004 fertiggestellte Bodega auf dem Hügel Cerro de la Mesa wurde konsequent nach dem Schwerkraftprinzip konzipiert – Traubenannahme oben, Fassreifung in konzentrischen Kreisen darunter, Flaschenlagerung in zwei in den Hügel geschlagenen Tunneln. Das dritte Weingut, Viñedos del Contino, liegt in einer Schleife des Ebro und war Riojas erstes Einzellagen-Weingut nach dem Vorbild eines französischen Château.
Im Weinberg setzt CVNE auf Handlese bei allen Spitzenweinen und kombiniert Buschreberziehung mit Cordon-Royat-Systemen. Seit Kurzem erprobt das Haus regenerative Landwirtschaft: Im Weinberg Girasoles in Hervías wurde das erste Keyline-System Riojas angelegt – eine Bodenbearbeitungsmethode, die Wasserretention verbessert und den Boden langfristig vitalisiert.
Cune, Imperial, Contino – drei Ebenen, ein Anspruch
Das Sortiment gliedert sich klar in drei Ebenen. Cune steht für die zugängliche Linie – Crianza, Reserva und Gran Reserva auf Tempranillo-Basis, mit dem für Rioja Alta typischen Gleichgewicht aus roten Früchten, zurückhaltendem Holzeinsatz und frischer Säure. Imperial ist die Prestige-Linie, nur in Jahrgängen mit der Einstufung Exzellent erzeugt: ein Blend aus Tempranillo, Graciano und Mazuelo, der für seine Eleganz und sein Lagerpotenzial bekannt ist. Der Imperial Gran Reserva 2004 wurde vom Wine Spectator als erster spanischer Wein überhaupt zum Wine of the Year gewählt. Viña Real aus der Rioja Alavesa zeigt einen volleren, fruchtbetonteren Stil, der den Einfluss der atlantisch geprägten Höhenlagen widerspiegelt.
Wer die CVNE-Weine kennenlernen möchte, beginnt am besten mit dem Cune Crianza: Kirscharomen, mäßige Röstnoten, mittleres Tannin, guter Trinkfluss. Mehr Struktur und Tiefe bringen Reserva und Gran Reserva – mehr Zeit im Fass, mehr Zeit in der Flasche. Alle drei passen gut zu Lammkeule, iberischem Schinken oder kräftigem Manchego. Serviertemperatur: 16–18 °C.